PKV-Beitragsanpassungen: Wenn die Klagen zum Bumerang werden

Versicherungen Gastkommentar Berater Top News von Dr. Herbert Schneidemann

Fortschritt gibt es nicht zum Nulltarif – das gilt in der Landwirtschaft, aber auch für das Gesundheitssystem. Prämienerhöhungen sind demzufolge keine Willkür der Versicherer, kommentiert Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung. Zurückgenommene Beitragsanpassungen seien darum nicht zwingend ein Grund zur Freude.

Dr. Herbert Schneidemann Bild: DAV

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV), Bild: DAV

Ich möchte ehrlich sein – wenn die Preise auf dem Wochenmarkt oder auf der Stromrechnung plötzlich steigen, dann ärgere auch ich mich im ersten Moment. Doch meist hilft es, kurz innezuhalten: Schließlich wollen wir alle, dass auch Nutztiere ein würdiges Leben haben und wir unseren Kindern eine bewohnbare Welt hinterlassen. All diese Fortschritte gibt es aber nicht zum Nulltarif.

Genauso ist es auch in unserem Gesundheitssystem. Nur dank der exzellenten Forschung konnte in einem halben Jahr ein Corona-Impfstoff gefunden werden, Krebs ist heute viel besser behandelbar als früher und Knopfloch-Operationen machen viele Eingriffe weniger belastend. Dieser Fortschritt ist ein Segen, gleichzeitig aber auch mit steigenden Kosten verbunden. Und von daher ist es unausweichlich, dass Krankenversicherungen teurer werden – gesetzliche wie private.

Langfristige Folgen beachten

Ich kann alle gut verstehen, die beim Öffnen ihrer Beitragsanpassungsschreiben erst einmal Luft holen müssen. Aber diese Prämienerhöhungen sind keine Willkür, sondern eine mathematische Notwendigkeit. Seit einigen Jahren gibt es Klagen gegen diese Beitragserhöhungen. Im Fokus steht dabei, ob alle formalen Voraussetzungen für die wirksame Durchführung einer Beitragsanpassung gegeben waren. Die sachliche Notwendigkeit wird von (fast) allen Beteiligten bejaht.

Zu kurz kommt in den juristischen Debatten die Frage, welche langfristigen Folgen zurückgenommene Beitragsanpassungen haben. Und die Analysen der Deutschen Aktuarvereinigung liefern hier eine deutliche Antwort: Es kann durchaus dazu kommen, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher auf lange Sicht insgesamt sogar höhere Beiträge zu zahlen haben, wenn Beitragsanpassungen rückabgewickelt werden. Zudem müssen die Rückzahlungen gemeldet werden, was zu Steuernachzahlungen führen kann. So haben sich das Viele beim Gang zum Rechtsanwalt sicherlich nicht vorgestellt.