Negativzinsen?! – keine Panik!

Gastkommentar Investmentfonds von Dr. Hans-Jörg Naumer

Negativzinsen gelten derzeit als das Schreckgespenst aller Sparer. Dabei sollten sie vielmehr als Weckruf verstanden werden – schließlich gibt es eine wesentliche größere Gefahr für Anleger, kommentiert Dr. Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research der Allianz Global Investors.

Dr. Hans-Jörg Naumer, Bild: Allianz

Dr. Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors, Bild: Allianz

Die Negativzinsen, die von immer mehr Banken und Sparkassen auf Guthaben erhoben werden, mögen ärgerlich sein, verhaltensökonomisch sind sie ein Weckruf, über die Kapitalanlage nachzudenken. Denn während Negativzinsen bekanntlich vom Guthaben abgezogen werden, (also einen Geldabfluss auslösen) wirkt im Hintergrund eine viel größere Gefahr für den Geldwert: die Inflation.

Folgende Berechnung verdeutlicht dies. Angenommen, jemand hat 100 Euro auf dem Konto. Bei einem unterstellten Negativzins von 0,5 Prozent (ohne Berücksichtigung eines Freibetrages) werden daraus nach 10 Jahren 95 Euro, nach 20 Jahren 90 und nach 30 Jahren 86.

Die Inflation, also der Kaufkraftverlust, wirkt dagegen deutlich stärker. Unterstellt, die Inflation liegt im Durchschnitt der nächsten Jahrzehnte bei 2 Prozent, also dem Zielwert der EZB. Dann schrumpft die Kaufkraft der 100 Euro nach 10 Jahren auf knapp 82 Euro, nach 20 Jahren auf 67 Euro und nach 30 Jahren unter 55 Euro. Der verhaltensökonomische Nachteil ist nur: Man sieht dies nicht, denn auf dem Bankkonto stehen ja immer noch nominal 100 Euro. Da kein Geld abfließt, tut dieser Wertverlust nicht weh.

Kein Grund zur Panik

Anders der Negativzins, obwohl dieser nur ein Viertel der hier unterstellten – durchaus plausiblen – Inflationsrate beträgt. So betrachtet ist der um sich greifende Negativzins kein Grund zur Panik. Im Gegenteil. Er ist fast schon ein willkommener (pardon, aber ich denke eben verhaltensökonomisch) Strafzins.

Er treibt dazu an, sich mit seinem Kapital zu beschäftigen, um einen viel größeren Wertverlust aus anderer Quelle zu vermeiden. Also: Vorsicht ja, Panik nein. Der Schmerz, den wir durch den Negativzins empfinden, ist ein schlechter Ratgeber. Nicht überstürzt handeln. Der Kaufkrafterhalt sollte bei allen Überlegungen zur Geldanlage die erste Verteidigungslinie sein.