Immer mehr Menschen rutschen in die Schuldenfalle

Anne Mareile Walter Berater Versicherungen

Die Zahl der Privatinsolvenzen ist im ersten Quartal 2021 sprunghaft angestiegen. Das liegt nicht nur an der Pandemie, sondern auch an einer Gesetzesänderung. Auf die finanzielle Schieflage ihrer Kunden reagierten die Versicherer mit Vertragsanpassungen und Beitragsstundungen.

Armut Bild: Adobe Stock/Ralf Geithe

Aktuell sind viele Menschen von Armut bedroht, die Zahl der Privatinsolvenzen nahm sprunghaft zu. Versicherer reagierten bereits. Bild: Adobe Stock/Ralf Geithe

Bei Kreditinstituten, Versicherungen, Vermietern, Versandhändlern und Behörden sind aktuell überproportional viele Menschen in finanziellem Rückstand: Im ersten Quartal dieses Jahres stieg die Zahl der Privatinsolvenzen sprunghaft an. Sie lag mit 31.821 um 56 Prozent über dem Wert des Vorjahres, 2020 hatte es 20.328 Fälle gegeben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel – die Autoren prognostizieren für das Jahr 2021 insgesamt sogar eine Verdopplung der Privatpleiten auf bis zu 110.000 Fälle. Denn ab dem Halbjahr 2021 würden die Folgen der Corona-Pandemie merklich einsetzen und bis ins Jahr 2022 hineinreichen.

Insolvenz-Anträge wurden bewusst zurückgehalten

Die Ursache für den überproportionalen Anstieg der überschuldeten Privathaushalte sehen die Studienautoren in einer Gesetzesänderung, deren Auswirkungen nun spürbar sind. So gilt seit dem 1. Oktober 2020 für alle beantragten Insolvenzverfahren eine Verkürzung des Restschuldbefreiungsverfahrens von sechs auf drei Jahre. „Viele Privatpersonen haben letztes Jahr entsprechende Anträge zurückgehalten“, erklärt Crifbürgel-Geschäftsführer Frank Schlein den Hintergrund. „Da diese Reform ein großer Vorteil ist, haben viele Antragsteller auf den entsprechenden Beschluss des Bundestags gewartet.“ Auch Schuldner, die durch die Pandemie in eine finanzielle Schieflage geraten sind, profitieren nun von der Gesetzesreform. Dabei treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nicht nur Beschäftigte im Niedriglohnbereich, auch immer mehr Menschen im mittleren Einkommenssektor können unter anderem aufgrund von Kurzarbeit ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. „Auf Dauer führt weniger Einkommen erst in die Überschuldung und dann in die Privatinsolvenz“, führt die Studie an.  

Im Bundesdurchschnitt gab es im ersten Quartal 38 Privatpleiten je 100.000 Einwohner, dabei waren die nördlichen Bundesländer stärker betroffen als die südlichen. Mit 76 Privatinsolvenzen je 100.000 Einwohner führt Bremen die Statistik an, darauf folgt Hamburg mit 57 Privatpleiten. In Bayern waren mit 26 Fällen pro 100.000 Einwohner die wenigsten Privathaushalte in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Insgesamt stiegen die Privatinsolvenzen über alle Altersgruppen hinweg an. Am stärksten verschuldete sich jedoch die Gruppe der 18- bis 20-Jährigen: 83 Bürger und damit 93 Prozent mehr als im ersten Quartal 2020 rutschten in die Schuldenfalle. Bei den 21- bis 30-Jährigen wurden 5.171 Menschen insolvent, im Vorjahreszeitraum waren es 2.797 gewesen.    

Versicherer reagierten auf finanzielle Einbußen

Bei den Versicherern haben sich die Corona-Auswirkungen bislang nicht ausgewirkt: Im vergangenen Jahr stiegen die Beitragseinnahmen über alle drei Sparten gesamt um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 220 Milliarden Euro. Viele Versicherer hatten auf etwaige finanzielle Schwierigkeiten ihrer Kunden mit umfangreichen Maßnahmen reagiert und beispielsweise Sonderstornoregelungen erlassen.

Ob sich die nun im ersten Quartal zu beobachtende Zunahme von Insolvenz-Anträgen auf die Beitragseinnahmen niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Der Branchenverband lehnte eine Einschätzung ab, da ihm wesentliche Daten bislang nicht zur Verfügung stünden. Anfang des Jahres hatte der GDV ein deutliches Beitragsplus für 2021 prognostiziert.