Bafin will strengere Regeln für Nachhaltigkeitsfonds

Investmentfonds Berater Top News von Jan F. Wagner

„Man kann darüber streiten, ob die Vorschläge der Bafin zu streng sind, aber die Intention dahinter stimmt“, sagt dazu Rolf Häßler, Gründer und Chef des Münchner Beratungshauses NKI - Institut für nachhaltige Kapitalanlagen. „Die Offenlegungsverordnung soll nur Transparenz schaffen. Sie enthält aber keine Vorgaben für die Qualität eines Fonds.“ Häßler räumt ein, dass professionelle Anleger die nachhaltige Qualität des Produktes anhand der Offenlegungsverordnung einschätzen könnten. „Doch die Bafin hat diese Anleger nicht im Sinn“, sagt er und nennt folgendes Beispiel: „Nehmen wir einen Fonds, der unter Artikel 8 fällt. Wenn der Fonds nur drei Ausschlusskriterien anwendet, ist das zu wenig, um als richtig nachhaltig zu gelten. Der normale Privatanleger würde das nicht erkennen und deshalb will die Bafin ihn schützen.“ Häßler sagt aber auch, dass die Vorschläge der Aufsicht - insbesondere die 90 Prozent Grenze - eigentlich nicht praktikabel seien und daher in Abstimmung mit der Fondsbranche revidiert werden müssten.

Der Fondsverband BVI, der sich gegen die Bafin-Vorschläge stemmt, nennt die Grenze illusorisch. „Fonds müssen in volatilen Marktphasen in der Lage sein, Liquiditätsreserven auszubauen und Anlagen umzuschichten, um Verluste für Anleger zu minimieren“, so der Verband in einer Stellungnahme. Die Grenze sei auch deshalb problematisch, weil sie zum einseitigen Investieren verleite. „Mangels technischer Kriterien in anderen (ESG-)Bereichen wären nur nachhaltige Investitionen in Aktivitäten möglich, die zum Klimaschutz oder zur Anpassung an den Klimawandel beitragen. Damit würde man die Produkte auf Themenfonds beschränken, die nur in erneuerbare Energien investieren“, hieß es weiter. Mit solchen Themenfonds wäre das Ziel der Nachhaltigkeit verfehlt. Außerdem wäre eine ausreichende Risikostreuung nicht gegeben.

Schließlich warnt der BVI davor, dass nachhaltige Fonds in anderen EU-Ländern lanciert werden könnten, falls die strengen Bafin-Standards kämen. Der Standort Deutschland würde geschwächt. „Wir hätten dann Förderprogramme für Luxemburg und Irland. Dort würde nämlich die Mehrheit neuer nachhaltiger Fonds aufgelegt – ohne zusätzliche Vorgaben und problemlos in Deutschland verkäuflich, weil die Bafin-Leitlinien nur für Fonds mit deutscher ISIN gelten“, sagt BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter.

BVI rechnet mit Senkung der „unpraktikablen“ Grenze

Soweit muss es nicht kommen. Der BVI spricht mit der Bafin derzeit über deren Vorschläge. „Wir gehen davon aus, dass am Ende die 90-Prozent-Grenze auf 50 Prozent gesenkt wird, da diese realistischer und praktikabler ist“, heißt es aus dem Umfeld des Verbands. Auch Volker Weber, Vorstand beim Forum für Nachhaltige Geldanlagen (FNG), geht von einer erheblichen Senkung der Grenze aus, da derzeit nicht genügend nachhaltige Investitionsmöglichkeiten vorhanden sind.

Weber ist auch der Ansicht, dass „Greenwashing“ nicht alleine durch Regulierung bekämpft werden soll, sondern auch durch mehr Engagement in der Finanzindustrie. „Um Greenwashing zu verhindern, sehe ich persönlich die dringende Notwendigkeit, Finanzberater rechtzeitig zu qualifizieren und ESG-Kompetenzen vor dem Inkrafttreten der NPA im Oktober 2022 aufzubauen.“

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