Aktiensparen: „Politisches und regulatorisches Umfeld in Deutschland nicht förderlich“

Investmentfonds Top News von Jan F. Wagner

Nachhaltige Unternehmensstrategien, der Mehrwert gegenüber günstigen ETFs und die Aktienkultur in Deutschland – darüber sprach procontra mit Klaus Naeve und Matthias Born, Co-Leiter der Berenberg Wealth & Asset Management.

Klaus Naeve und Matthias Born, Bild: Berenberg

Über die aktuelle Aktienkultur und ihre Investmentphilosophie sprachen Klaus Naeve und Matthias Born, Co-Leiter der Berenberg Wealth & Asset Management, mit Procontra. Bild: Berenberg

procontra: Die EU will nachhaltige Investments forcieren und hat zu diesem Zweck die Taxonomie, die Offenlegungsverordnung und die Nachhaltigkeitpräferenzabfrage (NPA) auf den Weg gebracht. Wie sind Sie darauf vorbereitet?

Matthias Born: Noch ist in Sachen Regulatorik vieles unklar. So hat die EU zum Beispiel noch nicht entschieden, ob Atomkraft innerhalb der Taxonomie (EU-Definition von nachhaltigen Aktivitäten) als nachhaltig betrachtet werden soll oder nicht. Gemäß unserer Nachhaltigkeitseinschätzung schließen wir grundsätzlich etwa Atomkraft, Kohlekraft und Ölsandgewinnung bereits aus. Ich denke, dass wir gut vorbereitet sind: Sechs unserer neun Aktienfonds werden innerhalb der Regulatorik als nachhaltig betrachtet werden. Das heißt, sie fallen entweder unter Artikel 8 (nachhaltige Fonds) oder Artikel 9 (Impact-Fonds). Gemäß der Offenlegungsverordnung berichten wir dann ausführlich an die Anleger, wie Nachhaltigkeitsaspekte in der Investmentstrategie der Produkte berücksichtigt werden. Mit unseren Fonds kann der Finanzberater auch die passende Antwort geben, wenn der Kunde im Rahmen der NPA sagt, er wolle nachhaltig investieren.

procontra: Die neuen Regeln bedeuten für Berenberg also keinen großen Aufwand?

Born: Die Investmentphilosophie, die wir über lange Jahre verfolgt haben, macht es uns einfach, die Fonds in die nachhaltigen Kategorien umzuwidmen. Das ist nicht für jeden Anbieter so einfach. Was wir nicht machen werden, ist, die Fonds umzubenennen. Unser “European Equity Fund” etwa wird künftig nicht “European Equity Sustainable Fund” heißen. Das wäre in meinen Augen eigentlich ein Marketingtrick. Wir sagen stattdessen dem Kunden klar, was wir in Sachen Nachhaltigkeit konkret machen. Diese Art der Berichterstattung, aber auch die Beschaffung der entsprechenden ESG-Daten von den Unternehmen, werden natürlich zu Mehrkosten führen. Diese werden wir aber nicht weitergeben.

procontra: Zusätzlich zu ihrem nachhaltigen Investmentstil haben Sie ein Team von ESG-Spezialisten aufgebaut. Wie groß ist das Team und welche Rolle spielt es?

Born: Unser 2018 gegründetes ESG-Office besteht aus drei Personen. Das ist für eine Boutique relativ groß - auch in Relation zu vergleichbaren Häusern. Jedoch sind diese drei nicht die einzigen, die sich mit Nachhaltigkeit befassen. Im Gegenteil: Unsere Portfoliomanager erstellen selbst ESG-Analysen über die Aktien und Anleihen der emittierenden Unternehmen und treffen dann darauf basierend ihre Investmententscheidungen. Das ESG-Team gibt den Portfoliomanagern ein Gerüst - sprich, worauf man in einem bestimmten Sektor achten sollte. Aber die Arbeit an sich machen die Portfoliomanager selbst. Das ESG-Office unterstützt die Manager zudem beim Proxy-Voting oder beim Engagement mit den Firmen, damit diese die für uns relevanten ESG-Kriterien einhalten.

procontra: Wie groß schätzen Sie die Nachfrage nach ESG-Fonds im Privatkundenbereich ein? 

Klaus Naeve: Der Trend zu nachhaltigen Investments ist eindeutig und wird von der Nachfrage getrieben. Im institutionellen Bereich können Sie als Asset Manager häufig gar nicht Ausschreibungen teilnehmen, wenn Sie nicht die entsprechende ESG-Kompetenz vorweisen können. Auch im Privatkundengeschäft wird das zunehmend gefordert, und mit der NPA  weiter steigen. Da sehen wir auch einen gewissen Generationswechsel. So finden in vermögenden Familien mehr und mehr Diskussionen statt, bei denen es um die Frage geht, wie das Geld der Familie bislang verdient wurde. War das moralisch, ökologisch vertretbar? Häufig will die neue Generation dann mit dem Geld Gutes bewirken und Schlechtes vermeiden. Da helfen wir weiter, auch mal mit besonderen Mandanten, die über unseren ESG-Ansatz hinausgehen. Beispiel: Der Kunde will mit seinem Investment ganz gezielt in den Bereich Tierschutz oder Medikamentenforschung hineingehen.

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