„Volle Beitragsgarantie ist nicht mehr möglich“

Stefan Terliesner Versicherungen

Auslaufen lassen oder reformieren? Procontra hat mit Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften, über die Zukunft der Riesterrente gesprochen.

Jochen Ruß, Bild: Universität Ulm

Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften an der Universität Ulm. Bild: Universität Ulm

procontra: Der GDV möchte die Absenkung des Höchstrechnungszinses mit einer Absenkung des Garantieniveaus der Riester-Rente verknüpfen. Was steckt dahinter?

Jochen Ruß: Der Höchstrechnungszins bewirkt indirekt eine Obergrenze für garantierte Leistungen. Eine volle Garantie der eingezahlten Beiträge, wie bei der Riester-Rente vorgeschrieben, ist selbst bei extrem kostengünstigen Produkten faktisch nicht mehr möglich.

procontra: Aufgabe der Politik ist es ja nicht, einzelnen Interessengruppen zu helfen.

Jochen Ruß: Es geht nicht darum, jemandem einen Gefallen zu tun, sondern darum, dass gesetzlich etwas vorgeschrieben ist, was ökonomisch faktisch unmöglich ist. Darüber hinaus haben wir in einer Studie gezeigt, dass im aktuellen Zinsumfeld abgesenkte Garantien auch für sicherheitsorientierte Verbraucher bedarfsgerecht sind. Zu diesem Ergebnis kommt man, wenn man inflationsbereinigte Chancen und Risiken betrachtet. Das sollte man auch tun, da es ja für Verbraucher nicht darauf ankommt, wieviel Stück Euromünzen man als Rente bekommt, sondern wie viele Mahlzeiten und Monatsmieten man davon kaufen kann.
 
procontra: Könnten Sie das bitte genauer erklären? 

Jochen Ruß: Je höher die Garantie, desto weniger Aktien und andere chancenreiche Kapitalanlagen stecken in einem Altersvorsorgeprodukt – ganz egal wie es im Detail konstruiert ist. Und über einen langen Zeitraum gibt es nachweislich eine positive Korrelation zwischen Aktienrenditen und der Inflation. Neben den bekannten Wirkungsweisen von Garantien – sie kosten Renditepotenzial, reduzieren aber im Gegenzug dasjenige Risiko, das aus dem Schwanken der Aktienmärkte resultiert – gibt es deshalb noch einen weiteren – bisher nicht berücksichtigten – Effekt: Garantien erhöhen dasjenige Risiko, das aus der Unsicherheit der Inflation resultiert.

procontra: Was heißt das konkret?

Jochen Ruß: Unterm Strich sind Produkte mit abgesenkten Garantien derzeit deutlich chancenreicher als Produkte mit hohen Garantien. Sie sind aber in Bezug auf die Kaufkraft der Leistung nur geringfügig riskanter – wenn überhaupt. Sicherheit ist also nicht dasselbe wie Garantie.

procontra: Sie sprechen sich also für mehr Aktien in der Altersvorsorge aus?

jochen Ruß: Ja! Aber für sicherheitsorientierte Verbraucher in Maßen. Senkt man nämlich Garantien weiter ab als auf 70 bis 80 Prozent der Beiträge, dann nimmt die Chance kaum noch zu – das Risiko hingegen immer stärker.
 
procontra: Es gibt doch Riester-Fonds. Lässt sich damit nicht fürs Alter vorsorgen?

Jochen Ruß: Dass zu hohe Garantien keine Chancen zulassen, gilt nicht nur für Versicherer. Bei Fondsprodukten bestimmt der Marktzins anstelle des Höchstrechnungszinses die Obergrenze für Garantien. Und der ist auch sehr niedrig. Auch hier ist eine 100-Prozent-Garantie kaum noch möglich – und wenn, dann ohne Spielraum für chancenreiche Aktieninvestments.
 
procontra: Liegt es vielleicht auch an den Versicherern und Vermittlern, dass die Deutschen so versessen auf Garantien sind?

Jochen Ruß: Der Wunsch nach Sicherheit ist tief in der menschlichen Natur verankert. Versicherer, Vermittler und auch der Gesetzgeber haben diesen Wunsch in der Vergangenheit noch verstärkt. Man muss aber auch sagen, dass in Zeiten höherer Zinsen hohe Garantien viel weniger Rendite gekostet haben und (auch inflationsbereinigt) viel mehr Sicherheit erzeugt haben als heute. Hohe Garantien waren damals für sicherheitsorientierte Verbraucher also durchaus sinnvoll.