Verkehrsrecht: Trägt ein elfjähriges Kind Mitschuld an Autounfall?

Anne Mareile Walter Versicherungen

Auf der Straße haben Fahrzeuge vor Fußgängern Vorrang. Doch wie ist die Rechtslage, wenn Kinder die Fahrbahn queren? In einer solchen Situation wurde nun ein elfjähriges Kind von einem Auto erfasst und erlitt dabei schwere Verletzungen. Wer im konkreten Fall haften muss, entschied nun das OLG Celle.

Kind Bild: Adobe Stock/U. J. Alexander

Bei Kindern und älteren Menschen sind Autofahrer verpflichtet, langsam zu fahren. Mit der Schmerzensgeldklage eines bei einem Autounfall schwer verletzten Mädchens befasste sich nun das OLG Celle. Bild: Adobe Stock/U. J. Alexander

Angst- und Belastungssymptome, Hirnschädigungen und weitere schwere Verletzungen trug ein elfjähriges Mädchen durch einen Verkehrsunfall davon. Kann es aufgrund seines Alters mitschuldig für den Unfall gemacht werden? Und wie bemisst sich in einem solchen Fall das Schmerzensgeld? Über diese Fragen hat nun das Oberlandesgericht (OLG) Celle (Aktenzeichen: 14 U 129/20) ein Urteil gefällt. Geklagt hatte das Mädchen, das als letztes Kind einer Gruppe Gleichaltriger die Straße überquert hatte und dabei von einem Auto erfasst wurde.  

Generell gilt: Im Hinblick auf Kinder, ältere und hilfsbedürftige Menschen gelten für Autofahrer besondere Sorgfaltspflichten, insbesondere durch Verringerung der Fahrgeschwindigkeit. Im vorliegenden Fall hatte der Fahrzeugführer die vor Ort zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern jedoch überschritten.

Gute Sichtbarkeit durch gelb reflektierende Jacke

Dass es bei den auf die Straße laufenden Personen um Kinder handele, habe der beklagte Autofahrer laut Aussagen eines Sachverständigen aus einer Distanz von 40 Metern erkennen können. Dafür sprach allein die Tatsache, dass eines der Kinder eine gelb reflektierende Regenjacke trug. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte der Mann damit rechnen müssen, dass weitere Kinder auf die Fahrbahn laufen und seine Geschwindigkeit drosseln müssen. Der Mann hatte auch angegeben, die Kinder erblickt zu haben. Jedoch habe er nicht gewusst, wie er sich verhalten solle.  

Da Fahrzeuge auf der Fahrbahn grundsätzlich Vorrang vor Fußgängern haben, verstieß das Kind zwar gegen die Straßenverkehrsordnung – doch wegen seines Alters und der Gesamtsituation trage es trotzdem keine Mitschuld an dem Unfall, so das Urteil der Richter. Generell können Kinder für einen Schaden mit einem Kraftfahrzeug zwar mit Vollendung des zehnten Lebensjahres haftbar gemacht werden. Neben dem Alter müssten aber auch die konkrete Unfallsituation sowie kindliche Eigenheiten, wie Impulsivität oder mangelnde Konzentrationsfähigkeit, in die Einschätzung mit einbezogen werden.  

Im konkreten Fall erkannten die Richter kein Verschulden des Kindes. Es habe zwar das herannahende Fahrzeug bemerkt, sich aber zu dem Zeitpunkt mit den drei vorausgehenden Kindern bereits auf der Fahrbahn befunden. „Die hierdurch zwangsläufig entstandene Gruppendynamik, nicht als einziges Kind aus der Gruppe zurückzubleiben, muss bei der Bewertung der Gesamtsituation berücksichtigt werden“, heißt es in der Urteilsbegründung. Gerade bei der Gruppenbildung minderjähriger Verkehrsteilnehmer müsse mit der Unkonzentriertheit und Abgelenktheit einzelner Kinder gerechnet werden. Das Verschulden des Kindes sei somit so gering, dass es hinter dem überragenden Verschulden des Beklagten zurücktrete, befand das Gericht. Der Autofahrer müsse folglich in vollem Umfang haften. 

Schmerzensgeld in Höhe von 35.000 Euro

Das Alter des Unfallopfers müsse auch bei der Bemessung des Schmerzensgeldes herangezogen werden. “Dauerschäden rechtfertigen bei jungen Menschen, die ihr Leben weitgehend noch vor sich haben, ein deutlich höheres Schmerzensgeld als bei älteren Menschen mit einem kürzeren Leidensweg”, erklärte das Gericht. Schließlich wirke sich durch die schweren Verletzungen geminderte Lebensfreude prägend auf die gesamte weitere Entwicklung aus. Im vorliegenden Fall sprach das Gericht dem Mädchen ein Schmerzensgeld in Höhe von 35.000 Euro zu. Der Beklagte habe zudem zu 100 Prozent für weitere, aus dem Unfall resultierende Schäden zu haften. Eine Revision ließ das Gericht nicht zu.