Riester-Rente: Warum weniger Garantie mehr bringt

Detlef Pohl Berater Recht & Haftung Top News

Eine vollständige Beitragsgarantie passt nicht zu sehr niedrigen Zinsen. Warum es auch bei der Riester-Rente höchste Zeit für weniger Garantien und wie dennoch viel Sicherheit für Sparer möglich ist, zeigte kürzlich eine Expertendiskussion.

Die öffentliche Debatte über eine gesetzliche Erlaubnis niedrigerer Garantien bei der Riester-Rente geht weiter, doch das BMF (im Foto der Dienstsitz) reagiert bisher nicht. Bild: BMF/Hendel

Die öffentliche Debatte über eine gesetzliche Erlaubnis niedrigerer Garantien bei der Riester-Rente geht weiter, doch das BMF (im Foto der Dienstsitz) reagiert bisher nicht. Bild: BMF/Hendel

Das BMF hat kürzlich per Verordnung den Höchstrechnungszins für Neuverträge in der Lebensversicherung zum 1. Januar 2022 auf 0,25 Prozent gesenkt, dabei aber die gesetzlich nötige Garantieabsenkung „vergessen“. „Die Absenkung des Höchstrechnungszinses darf nur der erste Teil eines gesamthaften Konzepts sein, um die kapitalgedeckte Altersvorsorge angesichts der anhaltenden Tiefzinssituation zukunftsfest zu machen, sonst gibt es bald am Markt vermutlich keine Riester-Rente und Beitragszusage mit Mindestleistung (BZML) in der bAV mehr“, warnte kürzlich Guido Bader, Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) auf der DAV-Jahrestagung.

Auch andere Finanzexperten appellieren an die politischen Entscheidungsträger, in den kommenden Wochen mit einem geringfügigen gesetzgeberischen Eingriff das Garantieniveau bei den staatlich geförderten Vorsorgeprodukten zu senken. „Die Politik muss mehr Flexibilität und niedrigere Garantien erlauben“, hatte kürzlich André Geilenkothen, Partner des Beraters Aon, gefordert und Garantien nur zur Endfälligkeit der Verträge vorgeschlagen.

Riester-Aus durch zu hohe Zinsgarantieverpflichtung?

Kürzlich legten Experten bei einem virtuellen Fachgespräch des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) mit Fakten und Argumenten nach. Die Botschaft: Die Riester-Rente hat mit weniger Garantie mehr Potenzial, wenn nun kurzfristig zumindest eine Teil-Reform bei der Beitragsgarantie vorgenommen wird.

„Konsequenz der Höchstrechnungszinssenkung ist, dass Lebensversicherungsprodukte mit 100-Prozent-Garantie der eingezahlten Beiträge ab 2022 faktisch nicht mehr angeboten werden können“, sagt Professor Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (Ifa). Daher müsse spätestens dann auch die Mindestgarantie bei der Riester-Rente und BZML in der bAV fallen. Weniger Garantien seien aber nicht schlimm, denn „im aktuellen Zinsumfeld sind Produkte mit Garantien, die signifikant unterhalb 100 Prozent liegen, auch für sicherheitsorientierte Verbraucher bedarfsgerecht“.

Warum weniger Garantien allen mehr bringen

Russ hält solche Produkte für deutlich chancenreicher als Produkte mit hohen Garantien, zudem nur geringfügig riskanter, sofern man die für Verbraucher relevanten inflationsbereinigten Chancen und Risiken betrachtet, also Chancen und Risiken in Bezug auf die Kaufkraft der Leistung. „Es ist ja nicht wichtig, wie viel Euro man im Alter hat, sondern wie viele Mahlzeiten man sich dafür kaufen kann“, sagte er wörtlich in dem Fachgespräch.

Aktuell sind Garantien besonders teuer, so Ruß. Daher sei auch aktuell der Chancenzuwachs, der aus einer abgesenkten Garantie resultiert, besonders hoch. Eine Absenkung erhöhe real die Chance relativ stark, aber real das Risiko in viel geringerem Umfang als nominal. Zudem sei Sicherheit und Garantie nicht dasselbe. Unterm Strich hält Ruß im aktuellen Zinsumfeld eine Mindestgarantie von 70 bis 80 Prozent für angemessen, bei risikobewussten Sparern auch weniger. Darauf müsse der Gesetzgeber reagieren.

Seite 1: Warum die Politik Riester-Garantie senken muss
Seite 2: Wie die Anbieter auf das Zögern des BMF reagieren

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare