„Krisen beeinflussen das individuelle Risikoverhalten“

Martin Thaler Berater Top News

Wer ist wann bereit, eine Versicherung abzuschließen? Maßgeblich für die Beantwortung dieser Frage ist das jeweilige Risikoverhalten einer Person. Wovon dieses abhängt und welchen Einfluss Corona hierauf hat, erklärt Dr. Petra Steinorth, Professorin für Risikoverhalten und Versicherungen an der Universität Hamburg.

Dr. Petra Steinorth Bild: Universität Hamburg

Dr. Petra Steinorth, Professorin für Risikoverhalten und Versicherungen an der Universität Hamburg. Bild: Universität Hamburg

procontra: Frau Professor Dr. Steinorth, lohnt es sich für Versicherungsvermittler überhaupt, Kunden mit einem verhältnismäßig kurzen Zeigefinger anzusprechen?

Steinorth: Sie spielen auf die Korrelation an, dass Menschen, deren Zeigefinger kürzer als ihre Ringfinger sind, zu exzessiver Risikobereitschaft tendieren – der Kauf von Versicherungen hingegen aus unserer Risikoaversion heraus resultiert. Zu Individuen mit sehr hoher Risikobereitschaft gibt es allerdings bislang wenig Forschungsliteratur in Bezug auf Versicherungsnachfrage. Somit ist es schwer zu sagen, ob solche Menschen überhaupt keine Versicherungsprodukte kaufen würden – allerdings kauft man Versicherungen ja nicht nur für sich selbst. So kann es sein, dass manche Menschen zwar hohe Risiken einzugehen bereit sind und beispielsweise häufig ins Casino gehen, beim Schutz ihrer Familienangehörigen sich absichern wollen. Es ist zu beobachten, dass unsere Risikoneigung nicht immer einheitlich und konsistent ausfällt, sondern von Lebensbereich zu Lebensbereich abweichen kann.

Procontra: Aber wovon hängt es ab, wie risikobereit wir sind? Sind wir im Hinblick auf besagte Korrelation zwischen Fingerlänge und Risikobereitschaft hier nur „Opfer“ unserer Gene?

Steinorth: Jein. Unsere Bereitschaft, Risiken einzugehen, ist zum einen genetisch bedingt, zugleich aber auch durch unser Umfeld beeinflusst. So justieren wir bei Schockereignissen, wie beispielsweise der Finanzkrise 2007/08, unser Risikoverhalten neu, kehren aber nach einiger Zeit zu einer ähnlichen Risikoeinstellung zurück. Das spricht ja eher für eine uns inhärente, genetisch mitgegebene Risikoneigung. Zugleich gibt es aber auch Ereignisse, die unser Risikoverhalten dauerhaft und nachhaltig ändern – beispielsweise die eigene Hochzeit. Verheiratete Menschen gelten als risikoaverser als Alleinstehende – schließlich sorgen sie ja nicht nur für sich, sondern auch für ihren Partner beziehungsweise ihre Partnerin oder eine ganze Familie. Das familiäre Umfeld kann das eigene Risikoverhalten stark prägen.

Procontra: Spielen auch andere Bekannte eine Rolle? Passt man sich an, wenn der Freundeskreis dazu neigt, mehr bzw. weniger Risiken einzugehen?

Steinorth: Der sogenannte „Peer-Effect“ spielt auf jeden Fall eine Rolle. In diesem Zusammenhang hatten wir uns nach der Wende 1990 angeschaut, welche Auswirkungen der Zuzug vieler Menschen aus dem Osten in westdeutsche Kommunen mit sich brachte – und hier konnten wir tatsächlich Veränderungen feststellen. Unser Umfeld beeinflusst nicht nur unsere Wahrnehmungen und Einstellungen, sondern eben auch unser Risikoverhalten, gerade auch im Bezug zu unserem Finanzverhalten beziehungsweise unserer Altersvorsorge-Bereitschaft.

Procontra: Wie äußert sich das konkret?

Steinorth: Das kann sich zum Beispiel im Arbeitsumfeld widerspiegeln: Wenn in einer Firma mit umfangreichem bAV-Angebot das Thema von den Kollegen beziehungsweise wichtigen Personen in der Firmenhierarchie häufig angesprochen und diskutiert wird, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass man sich selbst für eine betriebliche Altersversorgung entscheidet.

Procontra: Dem Umfeld kommt also eine große Rolle zu. Welche Rolle spielen darüber hinaus zeitliche Ereignisse, wie beispielsweise die Finanzkrise 2008?

Steinorth: Auch Krisen beeinflussen das individuelle Risikoverhalten. So sind die Menschen in ökonomischen Krisenzeiten weit weniger bereit, Risiken einzugehen. So verstärken sie unter Umständen die Krisen sogar noch.

Procontra: Wie das?

Steinorth: Die Steigerung des Investitionsvolumens ist makroökonomisch betrachtet ja ein Weg aus einer ökonomischen Krise. Nicht umsonst setzt die Politik in Krisenzeit bewusst Anreize, um die Investitionstätigkeit der Bürger zu steigern. Wenn die Bürger aber in Krisenzeiten risikoaverser werden und häufiger auf Investitionen verzichten, hilft das nicht unbedingt dabei, die Krise eher hinter sich zu lassen.

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