Gewerbeversicherung: Selbstbehalte als Vertragsretter?

Versicherungen Top News von Carla Fritz

Selbstbehalt – ja oder nein?

Branche, Größe des Betriebs, spezielle Risikosituation und nicht zuletzt Schadenhistorie sind für diese Frage ausschlaggebend. „Der Druck baut sich meist über die Schadenquote auf“, sagt Makler Carl Michael Götte, Geschäftsführer der Götte-Gruppe, Köln. In vielen gewerblichen Sparten komme man an Selbstbehalten aber ohnehin nicht vorbei, häufig beispielsweise in den technischen Versicherungen.

Die Baugeräte- und Bauleistungsversicherung der VHV etwa wird generell mit einem Selbstbehalt angeboten, der nach Angaben der Gesellschaft nicht abwählbar, aber in der Höhe verhandelbar ist. Hier reduziert sich beispielsweise der Beitrag für einen Mobilbagger um bis zu 30 Prozent, wenn der Selbstbehalt von 500 Euro auf 5000 Euro erhöht wird. Die 30-Prozentmarke – zugleich eine Orientierungsgröße im Angebotsvergleich mit und ohne Selbstbehalte. In der gewerblichen Rechtsschutzversicherung wiederum ist die Null-SB-Variante zwar möglich, wird aber nach Göttes Erfahrung kaum gewählt. „Weil der Beitragsvorteil mit Selbstbehalt hier greifbar ist.“

Die teils fehlende Akzeptanz für Selbstbehalte schreibt der Makler aus Köln nicht zuletzt auch der Tatsache zu, dass kleinere Unternehmen den internen Einsparvorgang nicht nachvollziehen können – „weil er oft nur marginal ist“. Bei Jahresprämien von ein paar hundert Euro rechnet sich in der Regel kein Prämiennachlass. Faustregel: In drei bis fünf Jahren sollte ein durchschnittlicher Selbstbehalt – bei normalem Schadenverlauf – durch Beitragsersparnis neutralisiert sein.

Die Schadenquote im Griff behalten, darum geht es letztlich für beide Seiten. „Nicht nur“, sagt Götte. Im konkreten Fall sollten Selbstbehalte dem Unternehmer auch verdeutlichen: „Er ist für sein Tun und Lassen verantwortlich, sollte seine Mitarbeiter entsprechend schulen, gegebenenfalls die Arbeit anders organisieren oder vielleicht sogar bestimmte, absehbar schadenträchtige Aufträge nicht mehr annehmen.“ Es geht um risikobewusstes Verhalten. Deshalb endet das Beratungsgespräch zur Haftpflichtversicherung zumeist mit einem „erzieherischen“ Selbstbehalt auch der kleineren Firma.

Besser selbst steuern

Bei Schäden, nach denen man faktisch die Uhr stellen kann, muss der Makler tiefer in die Schadenanalyse einsteigen. Für solche Frequenzschäden – der Klassiker im Haftpflichtbereich bei kleinen und mittelständischen Firmen – findet man die Lösung nach den Worten von Locker in der Regel anhand der konkreten Schäden.

Bei einem Klienten von Götte waren es aber die Teilkaskoschäden durch Steinschlag an den Windschutzscheiben der großen Fahrzeugflotte, die die Prämie in die Höhe trieben. Kosten für den Austausch der Scheiben mit Kamerasensor und Abstandshalter: zwischen 1.500 und 2.000 Euro. „Bei 75 Fahrzeugen mit zehn Schäden im Jahr kommt da einiges zusammen.“ Die Gegenmaßnahmen: Erhöhung des Selbstbehalts pro Fahrzeug auf 2.000 Euro, Abschluss eines Rahmenvertrags mit einer Autoglaserei. „Da wurden die Windschutzscheiben nicht in der Werkstatt, sondern gleich vor Ort getauscht für 750 bis 1.200 Euro – und auch nicht gleich jede.“ Ergebnis: Die Frequenzschäden waren weg. Die Prämien konnten wieder nach unten angepasst werden.

Immer dann, wenn das Unternehmen einen gewissen Bodensatz an Schäden hat, muss, wie Götte betont, die Problemanalyse einsetzen: Was kann der Kunde an Eigenregulierung übernehmen? Wie kann er die Schadenbehebung optimieren?

Was er seinen Kunden dabei häufig erst einmal klarmachen muss: Einen Schaden direkt zu bezahlen – wenn das Unternehmen ihn sowieso bezahlen muss und dazu auch wirtschaftlich in der Lage und willens ist – ist in jedem Fall günstiger, als ihn über die Versicherung abwickeln zu lassen. „Man muss schließlich gedanklich noch die 30 Prozent Verwaltungskosten drauflegen plus 19 Prozent Versicherungssteuer.“ Dieser Effekt sei natürlich umso größer, je größer der Betrieb und je größer das Prämienvolumen ist, umgekehrt dann aber auch die Ersparnis – wenn man es selbst macht. Andererseits muss man sich Selbstbehalte auch leisten können. Auch wenn es gerade mal nicht so gut läuft. Das gilt für kleine wie große Unternehmen.

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