„Das Langlebigkeitsrisiko ist eines der am meisten unterschätzten finanziellen Risiken“

Julia Thiem Vorsorge Berater Top News

Garantien in der Altersvorsorge kommen Anleger im Niedrigzinsumfeld unter Umständen teuer zu stehen. Gerade sicherheitsorientierte Kunden sollten dennoch nicht komplett darauf verzichten. Worauf es bei der Beratung ankommt, erklärt Prof. Dr. Jochen Ruß vom ifa Ulm.

Prof. Dr. Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Bild: IFA

Prof. Dr. Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Bild: IFA

procontra: Herr Prof. Dr. Ruß, Anlegern wird immer wieder gepredigt, sie müssten stärker ins Risiko, um im aktuellen Umfeld überhaupt Rendite zu erwirtschaften. Wie passen Garantien in dieses Bild?

Prof. Dr. Jochen Ruß: Garantien kosten Geld – generauer gesagt reduzieren sie das Renditepotenzial. Bei niedrigen Zinsen sogar besonders stark. Hohe Garantien sind aktuell also eine deutlich stärkere Renditebremse als jemals zuvor. Da jede unnötige Garantie auch eine unnötige Renditebremse ist, war es somit auch noch nie so wichtig wie heute, sich zu fragen, welche Garantie für welchen Kunden bedarfsgerecht ist. Daher gilt: „Garantien: Ja, aber die Richtigen!“

procontra: Also müssen sich die Deutschen langfristig nicht zwangsläufig von ihren allseits beliebten Garantien in der Altersvorsorge verabschieden?

Ruß: Ich glaube nicht, dass man sich von Garantien komplett verabschieden sollte. Die Garantie eines lebenslangen Einkommens ab Rentenbeginn ist sicher für nahezu alle Menschen bedarfsgerecht. Bei Garantien in der Ansparphase sollte man aber darauf achten, dass Art und Höhe der Garantie zum jeweiligen Kunden passen. Chancenorientierte Verbraucher können hier vielleicht ganz auf Garantien verzichten. Aber auch sicherheitsorientierte Verbraucher sollten sich in Bezug auf die Art der Garantie auf eine endfällige Garantie beschränken. Denn ein langfristiger Sparprozess wie bei der Altersvorsorge kann zwischenzeitliche Schwankungen verkraften. Und bei der Höhe der Garantie gilt: zu viel ist schädlich.

procontra: Am Ende des Tages müssen Versicherer die Garantien am Kapitalmarkt erwirtschaften. Wie kann das im Niedrigzinsumfeld überhaupt gelingen?

Ruß: Je näher die Garantie an der maximal möglichen Garantie liegt, desto sicherer muss die Kapitalanlage ausgestaltet sein, um die Garantien erwirtschaften zu können. Eine Garantie von 100 Prozent der eingezahlten Beiträge ist im aktuellen Zinsumfeld extrem hoch – und spätestens nach der angekündigten Senkung des Rechnungszinses nahezu unmöglich –, sodass hier kaum Spielraum für chancenreiche Kapitalanlage besteht. Das resultierende Renditepotenzial ist für einen langfristigen Sparprozess unangemessen niedrig.

procontra: Welche Argumente gibt es für Altersvorsorgeprodukte ohne Garantien?

Ruß: Wie bereits gesagt: Chancenorientierte Verbraucher können in vielen Fällen auf Garantien in der Ansparphase verzichten. Sicherheitsorientierte Verbraucher sollten nicht komplett auf Garantien verzichten. Aber auch für sie sind im aktuellen Zinsumfeld Garantien signifikant unter 100 Prozent bedarfsgerecht!

Das haben wir in einer kürzlich veröffentlichten Studie nachgewiesen. Zu diesem Ergebnis kommt man übrigens, wenn man die für Verbraucher relevanten inflationsbereinigten Chancen und Risiken betrachtet. Das sollte man auch tun, da es für die Verbraucher nicht primär darauf ankommt, wieviel Stück Euromünzen man als Rente bekommt, sondern wie viele Mahlzeiten und Monatsmieten man davon kaufen kann.

procontra: Können Sie das näher ausführen?

Ruß: Über einen langen Zeitraum gibt es eine positive Korrelation zwischen Aktienrenditen und der Inflation. Dies führt dazu, dass es neben den beiden bekannten Wirkungsweisen von Garantien, also der Tatsache, dass ein Absenken von Garantien sowohl das Renditepotenzial als auch dasjenige Risiko erhöht, das aus dem Schwanken der Aktienmärkte resultiert, noch einen dritten Effekt gibt: Das Absenken von Garantien reduziert dasjenige Risiko, das aus der Unsicherheit der Inflation resultiert. In Bezug auf das Inflationsrisiko wirkt weniger Garantie also risikomindernd.

Berücksichtigt man alle drei Effekte, so stellt man im aktuellen Zinsumfeld fest, dass Produkte mit maßvoll abgesenkten Garantien unterm Strich deutlich chancenreicher sind als Produkte mit hohen Garantien. Sie sind aber nur geringfügig – wenn überhaupt – riskanter. Senkt man die Garantie aber zu weit ab, so steigt das Risiko stärker als die Chance – deswegen sind für sicherheitsorientierte Verbraucher Garantieniveaus von rund 70 oder 80 Prozent der Beitragssumme angemessen.

procontra: Garantie oder nicht, worauf müssen Anleger beim Thema Altersvorsorge Ihrer Meinung nach unbedingt achten?

Ruß: Hier gibt es sicher extrem viele Punkte, die zu beachten sind. Die beiden wichtigsten: Die Chancen und Risiken des Produkts müssen zur individuellen Risikoneigung und Risikotragfähigkeit passen. Und wer lebenslange Ausgaben hat, braucht ein lebenslanges Einkommen. Man kann nämlich nicht wissen, wie alt man wird. Das damit einhergehende Risiko, länger zu leben, als das Geld reicht, ist eines der am meisten unterschätzen finanziellen Risiken.

Kurzvita:
Prof. Dr. Jochen Ruß ist Geschäftsführer des ifa Ulm und auf die Entwicklung innovativer Lebensversicherungsprodukte sowie finanzmathematische Themen im Bereich der Lebensversicherung und des Zweitmarktes für Lebensversicherungspolicen spezialisiert. Er ist ferner apl. Professor an der Universität Ulm sowie Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München.