Absolute-Return-Fonds: Hat die 2003er-Königsklasse ausgedient?

Investmentfonds von Christopher Nachtweh

In jeder Marktlage positive Erträge zu erwirtschaften ist ein vollmundiges Versprechen. Tatsächlich sind über die vergangenen Jahre viele der selbst ernannten Allwetter-Fonds gescheitert. Immerhin klappt vielfach die Verlustbegrenzung in Krisenzeiten.

Absolute-Return-Fonds Bild: Adobe Stock/metamorworks

Anleger, die eine strikte Verlustbegrenzung zum obersten Ziel erheben, müssen sich mit vergleichsweise geringen Erträgen bescheiden. Bild: Adobe Stock/metamorworks

An Königsklassen herrscht in der Welt der Investmentfonds nur selten Mangel. Heute zählen dazu vor allem vermögensverwaltende Fonds und Multi-Asset-Portfolios. Etwas aus dem Blick geraten sind dagegen Absolute-Return-Fonds. Als „Alleskönner“ gepriesen, schienen sie die Zuschreibung eine Zeitlang besser verdient zu haben als alle anderen Fondskategorien. Denn sie stellen in Aussicht, wonach viele Anleger bei der Kapitalanlage suchen: stete Erträge bei konsequenter Verlustvermeidung, und das vollständig unabhängig von der Marktentwicklung.

Dafür können ihre Manager weitreichende Freiheiten bei der Auswahl von Anlageklassen nutzen und in großem Umfang Derivate-Strategien einsetzen. Das allerdings ist auch vielen Multi-Asset-Managern grundsätzlich gestattet. Eine eindeutige Definition für die Fondskategorie fehlt bis heute, sehr unterschiedliche Produkte schmücken sich mit dem Zusatz „Absolute Return“. Weitere Fonds verfolgen die Strategie, ohne das Label im Namen zu führen, darunter etliche vermögensverwaltende Fonds. Auch findet sich in den Fondsdatenbanken wenigstens eine Handvoll „Multi Asset Absolute Return“-Produkte. Wo also liegen die Unterschiede der Konzepte?

In einer Untersuchung der Rating-Agentur Scope über die Folgen des Corona-Crashs und anderer Krisen seit 2008 für einkommensorientierte Multi-Asset-Fonds einerseits und Absolute- und Total-Return-Fonds (AR/TR) andererseits stellt Analyst Manqing Sun heraus: „Während Multi Asset Income-Fonds das primäre Ziel haben, konstant hohe Ausschüttungen zu erzielen, verfolgen AR/TR-Konzepte die Generierung einer marktunabhängigen stetigen Wertentwicklung bei zugleich geringer Volatilität und Drawdowns.“

Vermögen und ruhigen Schlaf sichern

Die Definition der Produkte ist unterschiedlich: Mal versprechen Anbieter, Verluste zu begrenzen, mal werden für jedes Kalenderjahr, mal für rollierende Drei-Jahres-Zeiträume, positive Renditen in Aussicht gestellt. Erstmals populär wurde das Konzept der Verlustvermeidung nach dem Platzen der Dotcom-Blase: Etliche Gesellschaften gingen 2003 mit der damals neuen Produktkategorie an den Start, die Anlegern marktunabhängig ihr Vermögen und damit einen ruhigeren Schlaf sichern sollte. Mit wieder steigenden Börsenkursen allerdings sank die Popularität schnell merklich. So wurde etwa das aufwändig mit Günter Netzer beworbene zwischenzeitliche Schwergewicht Allianz-dit Absolute Return Allocation mangels Performance und Masse schon gut vier Jahre nach dem Start mit einem Multi-Asset-Fonds des Hauses verschmolzen. Zig weitere Produkte der ersten Generation sind ebenfalls längst vom Markt verschwunden.

Klar ist indessen: Aufwärtsphasen an den Börsen allein lassen allenfalls begrenzt Aufschlüsse über die Stärken und Schwächen eines Fonds oder einer Fondskategorie zu. Das gilt insbesondere für Produkte, zu deren Kernanliegen es zählt, Verluste über überschaubare Zeiträume zu vermeiden.

Betrachtet man das Jahr 2008, als die rund fünfjährige Aktien-Hausse ein jähes Ende fand, ergibt sich ein differenzierteres Bild: „Im Umfeld der Finanzkrise boten Absolute/Total-Return-Ansätze einen weit besseren Schutz gegen Kursrückgänge, wenngleich auch sie zwischenzeitliche Verluste meist nicht ganz vermeiden konnten“, erläutert Scope-Analyst Manqing Sun mit Blick auf die von ihm gewählte Vergleichsgruppe Multi-Asset Income. Ähnliches gilt für den März vergangenen Jahres, als die Corona-Krise die Märkte mit voller Wucht traf.

Hauptproblem ist das Timing

Wichtiger, erklärt Sun, „für das Verständnis des strukturellen Verhaltens der beiden Produktkategorien ist aber ein anderer Aspekt, und zwar: Wie stark können die Fonds von der Markterholung nach den Kurseinbrüchen profitieren?“ Denn es mag noch so verlockend erscheinen, Verlusten weitestgehend aus dem Weg zu gehen; wer aber gleichzeitig Gewinne vermeidet, wird seine Anlageziele kaum erreichen.

Tatsächlich zeigt sich, dass klassische Absolute-Return-Fonds schon allein wegen ihres Fokus' auf die Begrenzung von zwischenzeitlichen Verlusten und höheren Schwankungen häufig nicht in der Lage sind, Erholungsphasen an den Börsen umfänglich zu nutzen. Denn hier sind vielen Produkten strategiebedingt enge Grenzen gesetzt. Schließlich birgt jede Erholung die Gefahr eines neuerlichen Rückschlags, den es zu vermeiden gilt. Daher kommen schnell Absicherungsstrategien zum Einsatz. „Das Hauptproblem ist dabei das richtige Timing“, so Sun. Schließlich könnten auch die Manager von Absolute-Return-Fonds wesentliche Wendepunkte an den Märkten kaum besser vorhersehen als andere.

Gerade mittel- bis langfristig stößt ein solches Konzept daher regelmäßig an seine Grenzen, wie der Vergleich zu Multi-Asset-Fonds belegt. In jedem einzelnen Jahr von 2009 bis 2017 fiel der durchschnittliche Gesamtertrag von Multi-Asset-Income-Fonds laut Scope mindestens doppelt so hoch aus wie der von Absolute-/Total-Return-Produkten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Absicherungsmechanismen nicht immer funktionieren: Während der weniger ausgeprägten Korrektur 2018 schnitten Absolute-Return-Produkte im Schnitt kaum besser ab als Multi-Asset-Income-Fonds.

Hat die 2003er-Königsklasse also endgültig ausgedient? Zumindest eines ist klar: Anleger, die eine strikte Verlustbegrenzung zum obersten Anlageziel erheben, müssen sich mit vergleichsweise geringen Erträgen bescheiden. Denn dem grundlegenden Zusammenhang von Rendite und Risiko können sich auch Absolute-Return-Fonds nicht entziehen. Gerade Anlegern, die sehr konservativ anlegen müssen oder möchten, bieten sorgfältig ausgewählte, langjährig erprobte Absolute-Return-Strategien dennoch eine Alternative – insbesondere in einer Zeit, in der am Rentenmarkt keine Zinsen gezahlt werden.