„Wer in Industriemetalle investiert, hat andere Interessen als ein Goldanleger“

Sachwerte Top News von Marilena Piesker

Kupfer, Nickel, Zink oder Platin: Mit der Energiewende rücken andere Rohstoffe abseits von Gold und Silber in den Fokus von Investoren. Über den Hype von Industriemetallen sowie die damit für den Verbraucher verbundenen Nebenwirkungen sprachen wir mit Rohstoffexperte Raphael Scherer, Geschäftsführer von Philoro Edelmetalle.

Raphael Scherer Bild: Philoro Edelmetalle.

„Wer in Industriemetalle investiert, hat andere Interessen als ein Goldanleger: Er hofft auf steigende Kurse", glaubt Rohstoffexperte Raphael Scherer Bild: Philoro Edelmetalle

procontra: Industriemetalle galten lange als Investment für risikoaffine Investoren. Wer es sicher mag, blieb dem Rohstoffmarkt fern. Gilt das heute noch?

Raphael Scherer: Rohstoffe und Industriemetalle sind eine Bereicherung für viele Portfolios. Es stimmt allerdings, dass sich ein Investment vor allem für erfahrene Anleger empfiehlt – heute vielleicht sogar noch mehr als früher. Jedem Investor sollte klar sein, dass in diesem Bereich zurzeit ein radikaler Umbruch stattfindet. Ob westliche Industrieländer oder China: Alle wollen ihren CO2-Ausstoß reduzieren und weniger fossile Brennstoffe nutzen. Das wird logischerweise auch im Rohstoffsektor viel verändern: Kohle, Rohöl oder Erdgas verlieren an Bedeutung, andere Industriemetalle rücken in den Vordergrund.

procontra: Welche sind das genau?

Raphael Scherer: Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass Verbrennungsmotoren und Katalysatoren es in Zukunft schwer haben werden. In den meisten Ländern verändert sich die Wirtschaft hin zu erneuerbarer Energieerzeugung und E-Mobilität. Dadurch steigt zum Beispiel der Bedarf an Silber, etwa für den Bau von Solaranlagen. Wir benötigen auch mehr Lithium für Batteriezellen oder Platin für die Synthese von grünem Wasserstoff.

procontra: Die Nachfrage zieht also mit der Energiewende an?

Raphael Scherer: Bei Silber oder Lithium sehe ich in der Tat großes Potential. Bei Platin bin ich mir allerdings nicht sicher. Hier könnte die Nachfrage auch zurückgehen und damit der Preis.

procontra: Warum?

Raphael Scherer: Es ist längst nicht klar, welche Technik sich am Ende zum Beispiel in der Autoindustrie durchsetzt: Wasserstoff kann der E-Mobilität immer noch den Rang ablaufen. Aber der eigentliche Grund, warum sich Platin für Investoren meiner Meinung nach nicht lohnt, ist, dass es derzeit schlicht zu viel Platin auf den Märkten gibt. Das Edelmetall wird zusammen mit Palladium gefördert – da Palladium aber sehr viel teurer ist, wird mehr Platin abgebaut als die Industrie aktuell benötigt. Das dürfte das Metall für Investoren uninteressant machen. Wer jetzt noch auf richtige Preissteigerungen bei Platin setzt, wird wahrscheinlich enttäuscht.

procontra: Palladium hat im vergangenen Jahr einen regelrechten Hype erfahren, der Preis liegt derzeit bei knapp 2.200 Euro je Feinunze. Sehen Sie noch Potenzial?

Raphael Scherer: Der Preisanstieg lässt sich vor allem auf ein Ereignis zurückführen: Ein eingestürztes Gebäude zwang den größten Palladium-Hersteller Nornickel dazu, seine Produktion massiv einzuschränken. Dadurch ging das weltweite Angebot stark zurück, die Nachfrage blieb aber gleich, wenn sie nicht sogar anzog. Das heizte die Preise ordentlich an. Die Aussichten für Palladium sind trotzdem insgesamt gut: Denn derzeit ersetzt die Industrie viele Prozesse, in denen normalerweise Platin genutzt wird, mit Palladium.

procontra: Auch bei anderen Industriemetallen sind die Preise zuletzt gestiegen – obwohl die Coronakrise längst nicht überstanden ist. Wie lässt sich das erklären?

Raphael Scherer: Ein Grund dürfte die stark wachsende Nachfrage aus China sein. Trotz Pandemie wächst die chinesische Industrieproduktion seit diesem Jahr wieder rasant. Außerdem gilt die Volksrepublik als weltweit größter Automobilmarkt, der sich künftig nachhaltiger ausrichten will: Angetrieben von staatlichen Investitionen hat sich die Volksrepublik nämlich längst zum größten Produzenten von Elektroautos entwickelt. Nickel, Kupfer und Lithium – alles Industriemetalle, die man für E-Fahrzeuge benötigt – haben in China derzeit Hochkonjunktur.

procontra: Und davon können Anleger profitieren?

Raphael Scherer: Ganz so absolut lässt sich das leider nicht sagen. Für die Entwicklung der Rohstoffpreise ist die Situation auf dem Weltmarkt entscheidend. Sicher ist: Sobald die Konjunktur in den USA und in Europa wieder anzieht, dürften alle Industriemetalle davon profitieren. Deshalb müssen wir uns fragen, wie stark die Nachfrage in Europa gerade ist – und aus ökonomischer Sicht tut sich die europäische Wirtschaft, mit Ausnahme weniger Sektoren wie der Baubranche, derzeit noch schwer.

procontra: Immerhin stärkt die Baubranche die Nachfrage nach Industriemetallen.

Raphael Scherer: Richtig, die Baubranche erholt sich seit Anfang des Jahres deutlich. Entsprechend steigen auch die Preise für Stahl oder Kupfer. Seit März hat sich der Kupferpreis verdoppelt.

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Kupfer: Immer noch ein lohnendes Investment?