Garantie nicht mit Sicherheit verwechseln!

Gastkommentar Versicherungen Top News von Dr. Herbert Schneidemann

Das in Deutschland vorherrschende Garantiekorsett ist längst nicht mehr zeitgemäß. Ohne Lockerungen verkommt die staatlich geförderte Altersvorsorge zu einem teuren Festgeldsparen, kommentiert Dr. Herbert Schneidemann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung.

Dr. Herbert Schneidemann Bild: DAV

Dr. Herbert Schneidemann ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung. Bild: DAV

Wir Aktuarinnen und Aktuare gelten seit jeher als die Gralshüter der Garantien. Umso überraschter zeigten sich einige Branchenkenner, dass auch die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) Teil des vielstimmigen Kanons ist, der eine Abkehr von der einhundertprozentigen Beitragsgarantie bei der Riester-Rente und von der Beitragszusage mit Mindestleistung (BZML) in der betrieblichen Altersversorgung fordert.

Doch bei einem genaueren Blick auf die Fakten zeigt sich: Nur wenn dieses viel zu enge Korsett aus nicht mehr zeitgemäßen Vorgaben gelockert wird, haben die Deutschen in dieser von Negativzinsen geprägten Welt überhaupt noch eine Chance auf einen realen Zugewinn und damit eine auskömmliche Altersvorsorge. Ohne diese Lockerungen der einstmals absolut richtigen und nachvollziehbaren Garantievorgaben verkommt die staatlich geförderte Altersvorsorge zu einem teuren Festgeldsparen.

Lösungsvorschläge liegen auf dem Tisch

Für die Verbraucherinnen und Verbraucher wäre das ein garantiertes Verlustgeschäft, für die Anbieter kein Geschäftsmodell mehr und für die öffentliche Hand ein Steuerverbrennungsprogramm mit integriertem Imageverlust. Rein rational betrachtet, kann daran wirklich niemand ein Interesse haben. Vor allem, weil Lösungsvorschläge auf dem Tisch liegen. Dafür müssen sich die Menschen aber zunächst einmal von ihrer über Jahrzehnte erlernten Fixierung auf konkrete Prozentwertgarantien verabschieden und stattdessen lernen, Risiken im Hinblick auf die Vorsorgeerfordernisse sachgerecht und angemessen einzuschätzen.

Doch leider werden feste Garantien noch immer mit Sicherheit verwechselt sowie Schwankungsrisiken im Zusammenhang mit Aktien und anderen Sachwertanlagen aufgrund der in Deutschland vorherrschenden Risikoaversion dramatisch überbewertet – ein verhängnisvolles Missverständnis, das von Generation zu Generation vererbt wird. Dabei sind die Kapitalanlagerisiken bei entsprechender Steuerung in den gemischten Kollektiven und jahrzehntelangen Abwicklungszeiträumen gut steuerbar.

Ein Verzicht auf fixe Garantiesätze eröffnet deutlich größere Freiheitsgrade in der Kapitalanlage. Dadurch kann ein nennenswerter Teil des Beitrags risikoreicher angelegt werden, was die Aussicht auf mehr Leistung auch für die jüngeren Generationen deutlich erhöht. Um diesem mathematisch belegten Gedanken zum Durchbruch zu verhelfen, bedarf es der Anstrengung aller Beteiligten sowie einer ideologiefreien und nicht produktorientierten öffentlichen Diskussion.

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