Cyberschutz: Haben sich Versicherer verkalkuliert?

Versicherungen Top News von Marilena Piesker

Mehr Geld für weniger Leistung

All das treibt die Kosten: Viele Versicherungen sehen sich seit rund drei Jahren gezwungen, die Prämien zu erhöhen, um die wachsenden Schadenskosten zu decken. Experten der Branche sprechen von Beitragserhöhungen von mehr als 50 bis 100 Prozent. Zeitgleich reduzieren Anbieter seit Jahren die Deckung. Das bedeutet vor allem für große Unternehmen, dass Sie immer mehr Versicherungen abschließen müssen, um die benötigte Deckungssumme zusammenzustellen.

Versicherungsexperte Grass wirbt um Verständnis für eine gewisse Selbstfindung des Segments. Cyberpolicen hätten auf dem deutschen Markt schließlich erst in den Jahren 2017 und 2018 Fuß gefasst – da fehle es noch an Erfahrungswerten. „In so einer jungen Branche ist es üblich, dass Versicherer immer wieder ihre Angebote anpassen“, sagt Grass.

Vermittler entdecken Mittelstand

Für Makler bedeutet das jedoch weiterhin Kärrnerarbeit. Viele Vertriebe konzentrieren sich derzeit stark auf mittelständische Kunden, sagt Grass. Doch diese Klientel ist auch besonders fordernd. Viele kleine und mittelständische Unternehmen kennen sich mit dem Thema kaum aus: So schätzen laut einer Analyse des GDV nur 28 Prozent aller mittelständischen Unternehmen das Cyberrisiko für sich als hoch ein. Die meisten werden erst aktiv, wenn sie einen Schaden erlitten haben oder sich ein Hackerangriff im näheren Umfeld ereignet. „Weil Cyberschäden für viele Mittelständler noch nicht wirklich greifbar sind, benötigen die meisten Unternehmen einen direkten Impuls“, bestätigt Pingsmann, der sich ausschließlich auf die Vermittlung von Cyberpolicen spezialisiert hat. Dabei kann ein Hackerangriff für ein mittelständisches Unternehmen durchaus die Insolvenz bedeuten, wie bei der Thüringer Spedition Blitz Logistik oder beim Schweizer Fensterhersteller Suisse Windows AG.

Den potenziellen Kunden ist zudem oft nicht klar, dass eine gute Cyberversicherung nicht nur die Kosten der Schäden deckt – etwa durch einen Produktionsausfall – sondern dass sie zum Beispiel auch PR-Maßnahmen übernimmt, um den Ruf des Unternehmens wiederherzustellen. „Hier sind die Vermittler gefragt“, sagt Pingsmann. „Ihre Aufgabe ist es, die Produkte vorzustellen, die noch bestehenden Wissenslücken zu schließen und die Angebote auf dem Markt zu vergleichen.“

Es ist also noch einiges zu tun auf dem jungen Markt für Cyberversicherungen: Zwar ist das Prämienvolumen nach Angaben des GDV von 2019 auf 2020 um 40 Prozent gewachsen – von 76 Millionen Euro auf nun knapp 105 Millionen Euro. Doch „in der Praxis bleiben die Abschlüsse im Firmenkundengeschäft noch hinter den Erwartungen zurück“, bemängelt Pingsmann. Auch andere Branchenexperten bewerten die aktuelle Geschäftslage laut der Studie „Quo vadis Cyber-Insurance?“ der Unternehmensberatung Assekurata derzeit als „schwach“. Das Potential des Cyberversicherungsmarktes liegt jedenfalls weitaus höher.

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