Lebensversicherung: Bei Solvency II drohen Verschärfungen

Berater Detlef Pohl Versicherungen Top News

Die Lebensversicherer müssen sich auf noch härtere Bandagen beim Aufsichtsregime von Solvency II einstellen. Sowohl der GDV als auch die BaFin haben die Folgen abgeschätzt. Hier die wichtigsten Änderungen, die ab 2024 greifen könnten.

Die Reform würde 60 Milliarden Euro mehr Eigenmittel bei den europäischen Lebensversicherer erfordern, sagt Uwe Ludka, Vorsitzender des GDV-Ausschusses Finanzregulierung. Bild: Itzehoer

Die Änderung der Extrapolation würde 60 Milliarden Euro mehr Eigenmittel bei den europäischen Lebensversicherer erfordern, sagt Uwe Ludka, Vorsitzender des GDV-Ausschusses Finanzregulierung. Bild: Itzehoer

Die Schuldenlast der EU-Staaten macht eine mittelfristige Leitzinserhöhung der EZB sehr unwahrscheinlich. Daher dürfte der Zuführungsbedarf zur Zinszusatzreserve (ZZR) weiter ansteigen. Die Branche hat seit Einführung des Reservetopfs 2011 insgesamt einen Bestand von 86 Milliarden Euro aufgebaut, hat die Rating-Agentur Assekurata errechnet.

Die Negativzinsen am Kapitalmarkt wirken sich unmittelbar auf die Nachreservierungspflichten der Lebensversicherer aus. Derzeit müssten sie nun im Schnitt für mehr als 84 Prozent ihrer Deckungsrückstellungen eine ZZR stellen. Damit sind mehr als 9,0 Prozent der Deckungsrückstellungen im Bestand dafür dotiert. Diese zusätzliche Zinsvorsorge entspricht laut Assekurata fast dem Fünffachen des bilanziellen Eigenkapitals der Lebensversicherer, das sich auf rund 18 Milliarden Euro beläuft.

Kein Wunder, dass die BaFin kürzlich erstmalig bei der Prognoserechnung auch Solvency-II-Zahlen erhoben hat. Somit wird der Blick geweitet: Anders als nur nach HGB die Fähigkeit eines Versicherers zu untersuchen, ob er bestehende Verpflichtungen gegenüber seinen Kunden einhalten kann, geht es nach Solvency II um seine Fähigkeit, dauerhaft Neugeschäft zu zeichnen. Dies korrespondiert mit den regulatorischen Anforderungen der Zukunft.

Reform für Prüfung zum dauerhaften Neugeschäft

Die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (European Insurance and Occupational Pensions Authority - kurz: EIOPA) hat der EU-Kommission am 17. Dezember 2020 Empfehlungen vorgelegt, wie und wo man Solvency II nach fünf Praxisjahren nachschärfen sollte. In ihrer Stellungnahme (intern als Opinion zum 2020-Review bezeichnet) empfiehlt die EIOPA der EU-Kommission dazu konkrete Schritte.

Ein wesentlicher Punkt im Review-Katalog ist die vorgeschlagene Änderung der Zinsextrapolation. Um die Garantien in der Rückstellung für langfristige Verträge noch risikogerechter zu berücksichtigen, soll die Extrapolation der risikofreien Zinsstrukturkurve fünf Jahre später als die bisherigen 20 Jahre starten. Die Extrapolation ist eine probate Methode zur Bewertung von Anleihen zur Bildung von Rückstellungen für Versicherungsverträge, deren Laufzeiten weiter in die Zukunft reichen als zuverlässige Kapitalmarktinformationen über risikofreie Zinsen vorliegen.

Da es länger laufende Anleihen nicht in ausreichendem Maße gibt, ist bislang ein „Last Liquid Point“, also der Startpunkt in die Extrapolation, nach 20 Jahren maßgeblich – ab diesem Zeitpunkt wird extrapoliert, das heißt, von den sicheren, beobachteten Zinsen auf die unsicheren Zinsen mit unsicherer Datenlage geschlossen. Mit dem EIOPA-Vorschlag würde man derzeit erst bei einem Last Liquid Point von etwa 25 Jahren landen.

Weitere Milliardenbelastung für Versicherer

„Dies würde zu einem zusätzlichen Eigenmittelbedarf der europäischen Lebensversicherer von gut 60 Milliarden Euro führen“, schätzt Uwe Ludka, Vorsitzender des GDV-Ausschusses Finanzregulierung. „Diese Eigenmittel würden dann fehlen, um langfristige Investitionen mit höheren Renditeperspektiven mit dem von Solvency II geforderten Kapital abzusichern“, erklärte der Vorstandschef der Itzehoer Versicherungen kürzlich auf einem Medien-Workshop. Der mögliche Investitionsbeitrag der Branche für europäische Schlüsselprojekte wie den Green Deal und die Kapitalmarktunion würde damit eingeschränkt.

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