Höhere Inflationsraten: Was Anleger jetzt beachten sollten

Investmentfonds Top News von Julia Groth

Die Teuerungsrate ist zu Jahresbeginn in die Höhe geschnellt. Michael Holstein, Chefvolkswirt der genossenschaftlichen DZ Bank, erklärt, warum diese Entwicklung kein Grund zur Sorge ist und welche Anlageklasse jetzt besonders attraktiv ist.

Michael Holstein Bild: DZ Bank

Michael Holstein, Chefvolkswirt dergenossenschaftlichen DZ Bank. Bild: DZ Bank

procontra:Die Verbraucherpreise in Deutschland und in der Eurozone sind im Januar und Februar deutlich gestiegen. Kommt die Inflation zurück?

Michael Holstein: Nein. Von einer Trendwende kann keine Rede sein. Die höheren Inflationsraten sind keine Überraschung und dürften zudem nicht von Dauer sein. Darin spiegeln sich lediglich einige Effekte wider, von denen wir wussten, dass sie kommen würden, und die nur vorübergehender Natur sind.

procontra: Nämlich?

Holstein: In Deutschland ist das vor allem das Auslaufen der temporären Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020. Außerdem wurde im Januar 2021 die CO2-Steuer neu eingeführt, auch das macht sich in den Verbraucherpreisen bemerkbar. Dazu kommt, dass der Ölpreis zuletzt gestiegen ist. Das zeigt sich ebenfalls in der Regel sehr schnell in der Inflationsrate. Europaweit kommt ein technischer Effekt hinzu, der mit der Pandemie zu tun hat, nämlich, dass der Warenkorb, mit dem die Inflation in der Eurozone gemessen wird, neu gewichtet wurde.

procontra: Was hat die Gewichtung des Inflationskorbes mit der Pandemie zu tun?

Holstein: Bei der Inflationsmessung nach europäischer Methode kommt immer der Warenkorb des Vorjahres zum Tragen, man schaut sich also an, wofür die Menschen im Vorjahr viel Geld ausgegeben haben. Im laufenden Jahr wird der Warenkorb des Jahres 2020 zugrunde gelegt, und im Jahr 2020 konnten die Menschen nicht normal in den Urlaub fahren, einkaufen oder ins Restaurant gehen. Sie haben ihre Verbrauchsgewohnheiten krisenbedingt stark umgestellt. Das spiegelt sich in der Inflationsmessung wider. Alle Effekte zusammen dürften dafür sorgen, dass die Teuerung im laufenden Jahr insgesamt höher liegen wird als im vergangenen Jahr. Das ist aber nicht der Beginn eines neuen Inflationstrends, sondern eine Reaktion auf die Coronakrise und die politischen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung.

procontra: Also auch eine Reaktion auf die extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik?

Holstein: Nein, vor allem auf die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer. Dadurch lagen die Preise im vergangenen Jahr niedriger, im Jahresvergleich liegen sie also automatisch höher. Im zweiten Halbjahr wird dieser Effekt am stärksten sein, weil die Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020 stattfand. In der zweiten Jahreshälfte werden wir voraussichtlich Inflationsraten von um die drei Prozent sehen. Das hatten wir einige Jahre nicht mehr. Eigentlich ist es aber ein vorübergehender technischer Effekt und kein Grund, nervös zu werden.

procontra: Haben die niedrigen Zinsen, die Anleihekäufe der Zentralbanken, die Fiskalpakete der Politiker gar keinen Effekt auf die Inflation?

Holstein: Die sehr expansive Geldpolitik und die Ausweitung der Geldmenge, die damit verbunden ist, kann zwar tendenziell die Inflationsgefahr steigern. Allerdings wissen wir aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre, dass eine höhere Geldmenge nicht automatisch zu höheren Preisen führt. Nach der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 waren die Notenbanken ebenfalls sehr expansiv, und die Inflation hat trotzdem nicht angezogen. Das Geld bleibt im Wesentlichen auf den Konten der Unternehmen und Verbraucher liegen, es wirkt sich nicht unmittelbar auf die Nachfrage aus und hat damit auch keinen direkten Einfluss auf die Inflation.

procontra: Was müsste denn passieren, damit die Teuerungsrate fundamental und nachhaltig steigt?

Holstein: Zunächst einmal: Zwei oder drei Prozent Inflation wären kein Problem. Die Europäische Zentralbank strebt knapp zwei Prozent an und würde wohl auch eine etwas höhere Rate zeitweise tolerieren. Eine höhere Inflationsrate über längere Zeit bekommen wir aber nur dann, wenn wir nach der Krise in eine Phase starken Wachstums eintreten und die Nachfrage entsprechend stark steigt. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, und zwar über mehrere Jahre. Weil wir ein solches Szenario nicht einmal vor der Coronakrise hatten, halten wir es auch in der nächsten Zeit für unwahrscheinlich.

procontra: Es braucht also ein Szenario mit starkem Wachstum und steigender Nachfrage, um die klassische Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen?

Holstein: Genau.

procontra: In den USA ist die Lage etwas anders als in Deutschland. Es gab keine Mehrwertsteuersenkung, die technische Preiseffekte nach sich zieht, dafür will Präsident Joe Biden die Wirtschaft mit einem riesigen Fiskalpaket ankurbeln. Könnte die Inflation in Übersee in diesem Jahr nachhaltig steigen?

Holstein: Das Fiskalpaket dürfte die Nachfrage in den USA in diesem Jahr deutlich nach oben schießen lassen. Zusätzlich dürfte man in der dortigen Inflationsentwicklung einige Basiseffekte sehen. Im vergangenen Jahr hat der gesunkene Ölpreis stark auf die Teuerung gedrückt, jetzt zieht er wieder an. Aus diesen beiden Gründen erwarten wir in den USA im laufenden Jahr Inflationsraten von über drei Prozent, also etwas höhere Raten als in Europa. Auch in den Vereinigten Staaten rechnen wir aber nicht mit einer längeren Phase höherer Inflation.

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