Altersvorsorge: Sollten Frauen mit 50 noch aktiv werden?

Martin Thaler Berater

Auf welche Besonderheiten kommt es bei der Finanzberatung von Frauen an? procontra fragte Melanie Andree vom Berliner „Finanzkontor“, das sich auf die Geldangelegenheiten des weiblichen Geschlechts spezialisiert hat.

Lohnt es sich für Frauen im Alter von 50 Jahren noch, mit dem Aufbau einer eigenen Altersvorsorge zu beginnen? Bild: Adobe Stock/Christian Schwier

Lohnt es sich für Frauen im Alter von 50 Jahren noch, mit dem Aufbau einer eigenen Altersvorsorge zu beginnen? Bild: Adobe Stock/Christian Schwier

procontra: Frauen gelten nach wie vor als eher „finanzscheu“. Trifft diese Beschreibung heute noch zu?

Melanie Andree: Wir haben in den vergangenen Jahren schon eine Entwicklung festgestellt, die zeigt, dass Frauen sich mehr und mehr für das Thema Finanzen öffnen. Nach wie vor gilt das Thema aber als Männerdomäne, bei dem sich viele Frauen unwohl fühlen. Meiner Ansicht nach ist das ein gesellschaftliches Problem, da Frauen oftmals weder in der Familie, noch in der Schule an das Thema herangeführt werden. Dabei sind Themen, wie Geldanlage und Sparverhalten, doch elementar fürs spätere Leben, sollten folglich also auch an den Schulen unterrichtet werden.

procontra: Wie können Sie denn diese Scheu abbauen?

Andree: Wir versuchen, mittels verständlicher Sprache und vielen Charts, bestehende Risiken zu erklären und Ängste abzubauen. So kann man unter anderem illustrieren, dass Aktien zwar auf kurze Sicht riskant sind, längerfristig diese Risiken aber immer geringer werden. Der Anlagehorizont ist eben entscheidend. In Banken, für die ich auch 25 Jahre tätig war, wird von den meist männlichen Beratern allerdings viel Wissen vorausgesetzt, wenig erklärt und ein hohes Maß an Fachchinesisch verwendet. Das schreckt viele Frauen ab. Mit der richtigen Beratung stellen wir aber fest, dass sich unsere Kundinnen überzeugen lassen, ihr Risikoverhalten zu überdenken.

procontra: Viele Kunden müssen ihr Risikoverhalten aufgrund der derzeitigen Niedrigzinsphase überdenken. Trifft diese Frauen, die ja allgemein als risikoscheuer gelten, besonders?

Andree: Definitiv. Meiner Einschätzung nach sind Frauen prozentual hier stärker betroffen – da hilft es nur, Aufklärung zu betreiben und Alternativen zu finden. Aber abgesehen von den Unterschieden zwischen Männern und Frauen – die Risikoaversion ist ja ein gesamtdeutsches Problem. Hier wird ja schon vom Staat suggeriert, dass Aktien als risikoreich, Tagesgeldkonten jedoch als sicher gelten. Da sind andere Länder, wie beispielweise Schweden, wesentlich weiter, wenn ein Teil der Rentenbeiträge automatisch in Aktien investiert wird.

„17 Jahre sind ein langer Anlagehorizont“

procontra: Nachhaltige Finanzprodukte erleben gerade eine steigende Nachfrage. Wie wichtig ist das Thema für Frauen?

Andree: Rund 80 Prozent unserer Kundinnen legen sehr großen Wert auf dieses Thema und erwarten auch, dass sie es nicht selbst im Beratungsprozess ansprechen müssen, sondern wir mit Angeboten auf sie zukommen. Es lässt sich schon beobachten, dass es vielen Frauen nicht allein auf den Ertrag ihres Investments ankommt. Sie wollen soziale Verantwortung übernehmen und sind dafür sogar bereit, auf Rendite zu verzichten. Bei Männern habe ich diesen Hang zur sozialen Verantwortung in meiner Karriere wesentlich seltener zu spüren bekommen.

procontra: Auch wenn sich Frauen verstärkt dem Thema öffnen, haben viele das Ziel „finanzielle Unabhängigkeit“ bislang nicht in Angriff genommen. Lohnt es sich mit 50 Jahren noch aktiv zu werden oder muss man sich irgendwann eingestehen, dass der Zug wohl abgefahren ist?

Andree: Für eine 50-Jährige würde es sich immer noch lohnen, Geld für ihr Alter zurückzulegen – schließlich sind es noch 17 Jahre bis zu ihrer Rente, das ist ein langer Anlagehorizont. Vielleicht ist in solchen Fällen eine Versicherungslösung nicht mehr die beste Idee. Ich sage aber: Bei einem Investitionszeitraum ab drei Jahren gibt es immer eine bessere Alternative zu Tagesgeldkonten.

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