Sozialpartnermodell: Lebensversicherer erwarten keine Revolution für die bAV

Anne Hünninghaus Versicherungen LV-Check

Die betriebliche Altersvorsorge wird für den LV-Markt immer wichtiger, darüber sind sich Lebensversicherer einig. Die künftige Rolle des Spätzünders „Sozialpartnermodell“ wird in einer aktuellen Experten-Umfrage differenziert gesehen. Klar ist nur: Es wird jede Menge Beratung gefragt sein.

Sozialpartnermodell; Bild: Adobe Stock/magele-picture

Welche Auswirkung hat das Sozialpartnermodell auf die LV? Bild: Adobe Stock/magele-picture

Es sollte ein Paradigmenwechsel in der betrieblichen Altersvorsorge werden, als vor zwei Jahren die Option eingeführt wurde, Sozialpartnermodelle zu vereinbaren. Deren Prinzip: Der Arbeitgeber sagt nur einen bestimmten Beitrag zu und hat keine Einstandspflicht, das Risiko trägt der Arbeitnehmer. Über den Garantieverzicht erhöhen sich dafür die Renditechancen. Doch bislang ist nicht viel passiert, den Tarifpartnern ist es organisatorisch bislang nicht gelungen, das Modell in der Praxis umzusetzen. Noch nicht ein einziges Sozialpartnermodell ist an den Start gegangen.

Die Talanx gab vor wenigen Monaten bekannt, sie stehe in Verhandlungen mit Verdi, schon bald werde ein Haustarifvertrag geschaffen. Gemeinsam mit der Zurich bildet sie das Konsortium für „Die Deutsche Betriebsrente“. Daneben gibt es weitere Anbieter mit Produktlösungen in Form von Konsortien. Ein Beispiel ist „Das Rentenwerk“, bestehend aus Gothaer, Debeka, Huk-Coburg, Stuttgarter und Barmenia. 

bAV spielt für den LV-Markt immer größere Rolle

Die Unternehmensberatung Deloitte hat nun gemeinsam mit V.E.R.S. Leipzig eine neue Studie zur Transformation der bAV veröffentlicht. An der Umfrage teilgenommen haben im zweiten und dritten Quartal 2020 Vorstände und leitende Repräsentanten aus 21 Unternehmen der Lebensversicherungs- und Pensionskassenbranche.

Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass die bAV insgesamt für den LV-Markt immer wichtiger wird. Schon heute halten 95 Prozent deren Bedeutung für groß oder sehr groß. Den Sozialpartnermodellen (SPM) wird derweil mit Blick auf die kommenden fünf Jahre weniger Einfluss zugetraut, nur ein Drittel der Befragten glaubt, dass sie für die LV bedeutsam sein wird. Für die Pensionsfonds prognostiziert mit 48 Prozent immerhin knapp die Hälfte eine große Bedeutung. Erwartet wird, dass die ersten tatsächlich vereinbarten SPM eine „Signalwirkung“ haben werden.

Dass das neue Modell das alte ablösen wird, prophezeihen die wenigsten. 87 Prozent der Studienteilnehmer gehen davon aus, dass die bisherige bAV-I-Welt mindestens „unverändert“ bleibt oder sogar deutlich zulegt. Dabei gehen zehn Prozent von einer starken und fast 50 Prozent von einer leichten Zunahme aus. Es besteht offenbar die Hoffnung, dass durch Sozialpartnermodelle das Bewusstsein für die bAV allgemein gestärkt wird. Dass die SPM die bisherige bAV-Welt auf lange Sicht irgendwann verdrängen wird, glaubt derweil ein knappes Drittel.

Komplexe Systeme, hoher Beratungsbedarf

Ein Drittel der Studienteilnehmer schätzt den Beratungsbedarf im Kontext der SPM durch Externe für Arbeitgeber und Betriebsräte als groß ein, knapp 30 Prozent sogar als sehr groß (bei den Betriebsräten sogar 38 Prozent). Dabei geht es vor allem um die Funktionsweise des Systems und die verschiedenen Puffermechaniken: Der Gesetzgeber hat mit Blick auf den Mangel an Garantie einige Kompensationsmechanismen mit diversen kollektiven Puffer eingeführt, die aufgebaut werden können oder müssen. Auch bei den Arbeitnehmern wird Beratungsbedarf gesehen, wenn auch in geringerem Maße: Hier lediglich 50 Prozent der befragten Experten einen mindestens „großen Bedarf“.

Doch die Kompetenz zur Beratung muss auch erst einmal generiert werden. Somit sehen 91 Prozent der die Experten hohen bis sehr hohen Schulungsbedarf für den Vertrieb, um ihn zu befähigen, nicht nur das SPM zu erklären, sondern ebenso mögliche Rückwirkungen auf bestehende Altersvorsorgesysteme zu erkennen und diesbezüglich beraten zu können.

Akzeptanz der Arbeitnehmer wird verhalten eingeschätzt

Ein Knackpunkt ist die oft hinterfragte Akzeptanz der Versicherten, wenn es um den Wegfall der Garantien geht. Mehr als die Hälfte der LV-Repräsentanten (57 Prozent) geht dennoch davon aus, dass die Arbeitnehmer die reine Beitragszusage nachhaltig akzeptieren werden. Lediglich 24 Prozent stimmt dieser Aussage (eher) nicht zu. Die Akzeptanz wird, wenig überraschend, bei einer Arbeitgeberfinanzierung eher gesehen als bei einer Arbeitnehmerfinanzierung. Als Schlüssel zur Akzeptanz der bAV II-Welt werden Transparenz und Verständlichkeit besonders häufig genannt – insbesondere hinsichtlich der neuartigen Puffer.