Im Corona-Jahr ist das Interesse an ESG-Anlagen massiv gestiegen

Anne Hünninghaus Berater Investmentfonds Top News

Jung, vermögend, weiblich: Wenn es nach den ESG-Trendsettern ginge, wäre vielleicht schon in fünf Jahren ein Großteil der Privatvermögen nachhaltig investiert. Auch mit Blick auf den Gesamtmarkt wächst das Interesse der Sparer, mit ihrer Anlage Gutes zu tun. Noch mangelt es aber an Expertise, Beratung ist dringend gefragt.

ESG-Studie; Bild: Adobe Stock/Nicola

55 Prozent der Anleger sind Nachhaltige ETFs kein Begriff. Bild: Adobe Stock/Nicola

Frauen, Unter-40-Jährige und besonders Vermögende haben eine überdurchschnittlich hohe Bereitschaft, ihr Geld nachhaltig anzulegen. Das belegt nun erneut eine Studie. Und statt vom Thema ESG abzulenken, hat die Corona-Krise die Aufmerksamkeit darauf sogar noch bestärkt. Das Marktforschungsinstitut Puls hat im Auftrag der Quirin Privatbank zu diesem Thema zwei Untersuchungen durchgeführt.

Befragt wurden zum einen 2.057 repräsentative Anleger, zum anderen 1.098 Kunden der Bank mit einem Vermögen ab 100.000 Euro. Während Ende Oktober bis Mitte November die Corona-Fallzahlen nach oben schossen, wurden beide Gruppen nach ihrer Bereitschaft, ihrem Wissensstand und ihrer Motivation zu ESG-Anlagen befragt.

So gaben 18,3 der repräsentativ Befragten Privatanleger an, durch die Pandemie sei das Thema Nachhaltigkeit wichtiger geworden, 66,5 Prozent halten es für genauso wichtig wie zuvor. Dass Klimaschutz und Co. im Zuge der allgemeinen Krise an Relevanz verloren haben, glaubt derweil nicht einmal jeder Zehnte (9,5 Prozent).

„Gutes tun“ als Motivation für nachhaltiges Verhalten

Wer bereits nachhaltig investiert, begründet diese Entscheidung oft damit, Verantwortung für nachfolgende Generationen zeigen und den Klimawandel aufhalten zu wollen. „Gutes zu tun und seine persönliche Lebenseinstellung zum Ausdruck bringen zu wollen, sind Hauptgründe, nachhaltig anzulegen. Die emotionale Motivation überwiegt damit gegenüber der rationalen, beispielsweise, um bessere Renditen zu erzielen“, erklärte Puls-Geschäftsführer Konrad Weßner am Dienstag im Pressegespräch. „Eine bessere Welt für Kinder und Enkel schaffen“ und „Klimawandel stoppen“ nannten jeweils knapp 40 Prozent der Befragten als Treiber jenseits der Renditefrage.

Aufpreis wird oftmals akzeptiert

Das Umdenken beginnt – klassischerweise – bei vielen zunächst im Alltag. Beim täglichen Einkauf, dem Buchen von Reisen und auch dem Autokauf wächst die Bereitschaft, auf nachhaltige Produkte umzuschwenken – und dafür womöglich auch einen Aufpreis zu akzeptieren. Während die Bereitschaft für Lebensmittel-Mehrkosten bei 8,8 Prozent liegt, sind bei der Geldanlage mit 4,2 Prozent der Durchschnittsanleger deutlich weniger für Einbußen gewappnet. Dennoch sei das eine bemerkenswerte Entwicklung, so Weßner. Hier offenbart sich der große Unterschied zu den vermögenden Kunden der Privatbank, die mehr als 100.000 Euro zur Verfügung haben. Von ihnen sind stolze 62 Prozent gewillt für nachhaltige Produkte und Leistungen etwas mehr zu zahlen.

Das sind die Trendtreiber

Generell gehören wohlhabendere Anleger zu den Treibern und Trendsettern des ESG-Themas. 49 Prozent von ihnen gaben an, im Zuge des Corona-Jahres stärker auf Nachhaltigkeit zu achten. Auch gibt es signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede: Während 61 Prozent der befragten vermögenden Frauen Nachhaltigkeit der Anlage höher gewichten, sind es bei den Männern 45 Prozent. Auch stellt die Bank fest, dass die Relevanz und Nachfrage von ESG-Produkten besonders bei Neukunden hoch ist – die sind durchschnittlich tendenziell jünger als die Bestandskunden. Während der nachhaltig investierte Anteil an der Gesamtanlage bei den Bankkunden im November bei 14,7 Prozent lag, planen die Kunden ihren Angaben zufolge, ihn im Durchschnitt auf 27,7 Prozent zu erhöhen. Zudem sind unter den repräsentativ Befragten 41 Prozent grundsätzlich bereit, ihr gesamtes Vermögen nachhaltig anzulegen – bei den Unter-40-Jährigen sogar 52 Prozent. Steigen würde bei 65,6 Prozent der Befragten die Bereitschaft zu ESG-konformen Investments, wenn diese – ähnlich wie Elektroautos – staatlich begünstigt würden.

Beratung ist dringend notwendig

Es hakt allerdings weiterhin an der Bekanntheit nachhaltiger Geldanlageoptionen. So sind 55 Prozent der Anleger laut Umfrage nachhaltige ETFs kein Begriff. Mit ESG-Investments verbinden die meisten eher die direkte Beteiligung an beispielsweise Photovoltaikparks und den Erwerb einzelner Aktien nachhaltiger Unternehmen. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer von INSA Consulere im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) durchgeführten Studie aus dem vergangenen Jahr. Ihr zufolge konnten nur 14 Prozent der insgesamt 3.066 Umfrageteilnehmer überhaupt beantworten, was nachhaltige Kapitalanlagen sind.

An einer grundsätzlichen Bereitschaft, sich dem Thema zu öffnen, mangelt es nicht, der Schlüssel wäre eine zielgerichtete Aufklärung von Seiten der Berater und Anbieter. Dank EU-Richtlinie müssen sich Finanzberater ab dem 10. März intensiver mit nachhaltigen Produkten und ihren Zielen auseinandersetzen. So müssen sie erklären können, was es bedeutet, wenn der Fonds bestimmte Unternehmen ausschließt (und warum) oder wenn Ausschlüsse im Rahmen einer „Best-in-Class”-Strategie erfolgen. Auch die Frage, ob Nachhaltigkeit Rendite kostet, muss er souverän beantworten können. Dank eines profunderen Wissens von Beratern und damit auch Kunden lässt sich die Unwissenheit bekämpfen und das Interesse an der Vielzahl der neuen Produkte steigern.