Fernweh in unsicheren Zeiten: Welche Zukunft hat die Reiserücktrittsversicherung?

Martin Thaler Versicherungen Top News

Viele Reiseanbieter wollen Kunden mit sogenannten Flex-Tarifen zur Urlaubsbuchung animieren. Für einen geringen Aufpreis ist bei ihnen eine kostenlose Stornierung möglich. Wird die Reiserücktrittsversicherung damit überflüssig?

Reiselust Bild: Adobe Stock/Dana Keli

Die Reiselust der Deutschen scheint ungebrochen. Reiseveranstalter locken mit neuen flexiblen Angeboten. Bild: Adobe Stock/Dana Keli

Die Reiselust der Deutschen ist trotz Corona-Krise ungebrochen. Wie eine Umfrage der Reisesuchmaschine momondo.de ergab, will ein großer Teil der befragten Deutschen versäumte Urlaubsfreuden aus dem vergangenen Jahr 2021 nachholen. 40 Prozent der rund 1.000 Befragten gaben an, 2020 nicht nur reisen, sondern mehr reisen zu wollen. 44 Prozent wollen gar in der ersten Jahreshälfte noch die Koffer packen – besonders die klassischen Urlaubsziele am Mittelmeer stehen wieder hoch im Kurs. Mallorca statt Müritz soll es dieses Jahr für viele wieder werden.  

Hinter den Reiseplänen vieler Deutscher steht jedoch ein großes Fragezeichen: Die Corona-Krise und ihr ungewisser weiterer Verlauf gestalten die Planung des Oster- oder Sommerurlaubs herausfordernd – schließlich möchte keiner auf hohen Stornokosten sitzen bleiben, wenn er die Reise doch nicht antreten kann.  

Reiseanbieter setzen auf Flex-Tarife

Perfekte Voraussetzungen für den Vertrieb von Reiserücktrittsversicherungen könnte man meinen. Doch viele Reiseveranstalter haben in den vergangenen Wochen neue Tarife ins Angebot gehoben, die den Vertrieb der Versicherung erschweren könnten.  

Flex-Tarife heißen die neuen Angebote, mit der Reiseriesen wie Tui, FTI oder DER Touristik versuchen, die Reiselust der Deutschen wieder anzufachen. Das Prinzip ist simpel: Gegen einen Aufpreis bekommen Kunden die Möglichkeit, ihre geplante Reise bis wenige Tage vor Beginn abzusagen. Bei der Tui ist die Höhe des Aufpreises abhängig vom gebuchten Reisepreis: Liegt der bei bis zu 2.500 Euro, wird ein Flex-Zuschlag von 39 Euro pro Buchung fällig, bei einem Preis von bis zu 4.000 Euro kostet die Flex-Option 69 Euro. Dafür haben die Kunden die Möglichkeit, bis zu 14 Tage vor Reisebeginn ihren Trip abzusagen – die Nennung schwerwiegender Gründe soll dabei entfallen. Stattdessen reicht der bloße Unwille, beispielsweise weil im Urlaubsland nicht alle geplanten Angebote zur Verfügung stehen oder man es sich schlicht und einfach anders überlegt hat.  

Angesichts der neuen Tarife dürften sich viele Kunden fragen, warum sie überhaupt noch eine Reiserücktrittsversicherung abschließen sollten – was nutzt der Schutz gegen anfallende Stornogebühren, wenn man sich diesen gegen einen verhältnismäßig geringeren Aufpreis zu wesentlich großzügigeren Konditionen erkaufen kann?  

Kurzfristiger Schutz

Dass die Reiserücktrittsversicherung keine Zukunft mehr haben wird, glaubt man in der Branche jedoch nicht. „Die meisten Ereignisse passieren in der Regel eher kurz vor der Reise, darum lohnt sich eine Reiserücktrittskostenversicherung in jedem Fall“, heißt es von der Hanse-Merkur auf procontra-Nachfrage. Nicht nur bei der Tui, auch bei den anderen Reiseanbietern gilt der kostenlose Umbuchungs- bzw. Stornierungsservice hingegen bis maximal zwei Wochen vor Reiseantritt. „Stornieren wir einen Flug noch kurzfristiger, bleibt der Sitzplatz leer. Das kostet bis zu 300 Euro. Das kann sich kein Veranstalter leisten“, erklärte ein Tui-Manager jüngst gegenüber der Welt.  

Auch beim auf Reisen spezialisierten Versicherungsmakler Dr. Walter sieht man die Angebote der Reiseveranstalter gelassen. „Die Reiselust der Menschen ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und wenn sich die Lage aufgrund der Krise wieder beruhigt hat, wird auch wieder gereist werden. In diesem Zuge werden die Stornostaffeln angepasst, was wiederum den Abschluss einer Reiserücktrittsversicherung sinnvoll macht“, erklärte Petra Dienst, Leiterin der Kundenberatung gegenüber procontra. Ob die Reiseveranstalter sich nach Ausstehen der Corona-Krise wieder von ihren Flex-Tarifen lösen werden, bleibt abzuwarten. Während bei DER-Touristik das Angebot bislang nur für Buchungen bis zu einem Abreisetermin am 31. Oktober dieses Jahres gilt, will die Tui es laut Presseberichten weiter fortführen.

Sensibilisierung der Kunden

Man selbst habe im vergangenen Jahr aufgrund der Corona-Pandemie einen Einbruch beim Geschäft mit Reiserücktrittsversicherungen erlebt. Allerdings hätten viele Kunden zuletzt keinen Versicherungsschutz für einzelne Reisen gebucht, sondern sich für den Jahrespolicen abgeschlossen. „Das ist ein Plus, da die meisten Kunden ihre Jahrespolicen weiterlaufen lassen und abwarten, bis das Reisen wieder einfacher wird“, so Dienst.  

Für die Zukunft erwartet man bei Dr. Walter nicht nur, dass die Reiselust in Zukunft wieder steigen wird, auch die Sensibilisierung der Reisenden im Hinblick auf den Versicherungsschutz dürfte durch die Pandemie gestiegen sein. „Die Versicherer werden auf diese Sensibilisierung eingehen und ihre Produkte hinsichtlich der neuen Anforderungen anpassen“, ist Dienst überzeugt.