ESG-Wirrwarr: „Formalismus und Aufwand drohen auszuufern“

Anne Hünninghaus Versicherungen Top News

Nicht nur die Zielgruppe von Nachhaltigkeitsprodukten hat sich zuletzt verändert. Auch in puncto politischer Regulation bewegt sich Einiges. Wie lässt sich künftig mehr Transparenz herstellen – bräuchte es gar eine „Kapitalanlagenampel“? Die Stuttgarter-Vorstände Ralf Berndt und Dr. Guido Bader im Gespräch.

Ralf Berndt und Guido Bader (v. l.); Bild: Stuttgarter

Ralf Berndt und Guido Bader (v. l.) über die neue Nachhaltigkeitszielgruppe und mehr Transparenz in puncto ESG-Kapitalanlage. Bild: Stuttgarter

procontra: Der Hype um nachhaltige Versicherungsprodukte wird immer größer. Beobachten Sie, dass sich Ihre Zielgruppe für ESG-Produkte mit der Zeit verändert hat?

Ralf Berndt: Die Produktidee zur „Grünen Rente“ ist bei uns früh und in Zusammenarbeit mit Spezialmaklern entstanden, die sich dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben haben. Was 2013 noch eher auf eine anthroposophisch orientierte, kleinere Zielgruppe ausgerichtet war, ist heute glücklicherweise Mainstream. Die Fridays-for-Future-Bewegung hat das Thema vollends etabliert.

procontra: Angeblich interessieren sich vorrangig nur bestimmte Gesellschaftsgruppen wie Besserverdiener, Jüngere und Frauen für Nachhaltigkeit. Fehlt es dem Thema an der nötigen Breite?

Berndt: Das würde ich nicht sagen. Anfangs war es zwar tatsächlich so, dass die Nachfrage insbesondere aus den genannten Zielgruppen kam. Aber auch hier bemerken wir, dass sich die Interessentengruppe vergrößert hat. Insbesondere Arbeitgeber haben sich das Thema zunehmend auf die Fahnen geschrieben. In der bAV ist die Grüne Rente erfolgreich geworden. Unternehmen spiegeln uns, dass die Belegschaften es honorieren, wenn Arbeitgeber ihnen nicht nur die zusätzliche Leistung per se bieten, sondern auch noch etwas Gutes damit tun. Insgesamt wird Nachhaltigkeit als Entscheidungskriterium wichtiger. Folglich wird das Angebot auch größer – und zwar nicht nur im Supermarkt.

procontra: Viele Menschen denken in puncto Nachhaltigkeit zuerst beim Essen um, abstraktere Dinge wie Versicherungsprodukte folgen oft zeitverzögert. Ist die Nachfrage bei Ihnen in den stetig gewachsen, oder gab es Sprünge?

Berndt: Bis 2019 stieg die Nachfrage tatsächlich kontinuierlich, den großen Sprung haben wir 2020 gemacht. Und im Vergleich zu den anderen Lebensbereichen gilt: Bio-Waren sind in der Regel teurer als konventionelle Produkte. Die Grüne Rente kostet aber nicht mehr als unsere vergleichbaren Altersvorsorgeprodukte, das ist ein immenser Vorteil.

Dr. Guido Bader: Hinzu kommt, dass sich die Menschen seit einem Jahr bedingt durch die Corona-Pandemie generell mehr Gedanken um ihre Altersvorsorge machen. Hier kommen also mit Nachhaltigkeit und Vorsorge zwei Trendthemen zusammen.

procontra: Warum bieten Sie überhaupt noch andere Produkte an, wenn Ihre grüne Variante ESG-Vorteile ohne Einbußen ermöglicht?

Bader: Im Neugeschäft sind wir von der alten Klassik abgerückt, hin zu hybriden, also fondsgebundenen Produkten. Und in einer solchen LV macht es natürlich schon noch einen Unterschied, ob ich die komplette Fondauswahl habe oder eine auf das Thema Nachhaltigkeit eingeschränkte. Denn hier spielt wieder die Regulatorik hinein: Wenn Sie ein Produkt als nachhaltig bewerben wollen, muss es ausschließlich nachhaltig sein. Manche Kunden wollen aber lieber die volle Bandbreite haben, zum Beispiel inklusive DAX-ETFs. Dann ist es aber kein offiziell „nachhaltiges“ Produkt mehr.

Berndt: Wenn wir ab 2013 nur die Grüne Rente angeboten hätten, wäre das wenig erfolgreich gewesen. Wir mussten erst einmal Pionierarbeit leisten, denn damals war noch die Mentalität weit verbreitet, dass eine nachhaltige Anlage eine schlechtere Rendite abwirft – was falsch ist.

procontra: Im vergangenen Jahr haben viele befürchtet, dass die Dringlichkeit des Themas ESG hinter der Corona-Krise zurücktreten könnte.

Berndt: Natürlich galt und gilt es in der nationalen Politik erst einmal, die unmittelbare Krise zu managen. Aber bei der EU hat ESG auch im vergangenen Jahr keinerlei Priorität eingebüßt.

Bader: … und auch nicht im Bewusstsein der Menschen. Das war nur zwischenzeitlich die Wahrnehmung, weil durch Corona beispielsweise die Fridays-for-Future-Demonstrationen ausgesetzt wurden. Wer aber einmal für das Thema sensibilisiert ist, wird davon nicht mehr abrücken. Da es sich bei Corona um eine Gesundheitskrise handelt, hat sie das Bedürfnis nach einem gesünderen Leben und einer Besinnung auf das Wesentliche eher gesteigert.

procontra: Wie zufrieden sind Sie mit den ab 10. März zu veröffentlichenden Informationen im Rahmen der EU-Transparenzverordnung?

Berndt: Transparenz ist grundsätzlich zu begrüßen. Mit den Details sind wir allerdings weniger einverstanden.

procontra: Warum?

Bader: Formalismus und Aufwand drohen auszuufern! Unser größter Kritikpunkt: Was wir laut EU-Transparenzverordnung zu eigenen Kapitalanlagen und vorvertraglichen Informationen berichten sollen, wird die Verbraucher schlichtweg überfordern. Der EIOPA-Entwurf sieht vor, zu jeder Kapitalanlage über 40 Datenpunkte zu sammeln. Die Details hierfür zu beschaffen, kostet eine Menge Geld – und das für eine Scheingenauigkeit, die am Ende von niemandem gewürdigt wird.

procontra: Ihr Gegenvorschlag?

Bader: Wir sollten uns lieber auf wenige zentrale Punkte fokussieren, die den Verbraucher tatsächlich interessieren. Der Aspekt CO2-Ausstoß zum Beispiel, oder dass Kinderarbeit ausgeschlossen werden kann. Aber ob es uns weiterbringt, wenn man über die komplette Anlage den Gender-Pay-Gap ermitteln muss, bezweifle ich.

procontra: Das Thema ist aber unstrittig komplex. Auch die Lieferketten rücken immer mehr ins Blickfeld. Könnte die teils mangelnde Bereitschaft von beispielsweise US-amerikanischen Unternehmen, Berichtspflichten einzuhalten, zu einer Art europäischem Protektionismus führen?

Bader: Was die regionale Diversifikation anbelangt, glaube ich nicht, dass wir so etwas zu befürchten haben. Durch den neuen Präsidenten Joe Biden gewinnt das Thema auch in den USA an Zug. Die Dringlichkeit des Handelns haben inzwischen alle großen Volkswirtschaften erkannt. Und auch die Datenerhebung wird im angelsächsischen Wirtschaftsraum ähnlich praktiziert. Ich sehe also kein eingeschränktes Investitionsportfolio für uns.

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