Einzelhandel: „Der Kostendruck nimmt erheblich zu“

Martin Thaler Berater Versicherungen Top News

procontra: Stichwort Online-Shop. Viele Einzelhändler haben ja – um ihre Waren überhaupt noch losschlagen zu können – in den vergangenen Monaten ihr Geschäft ins Netz verlagert. Welche Gefahren entstehen für sie hieraus?  

Haag: Viele dieser Online-Shops wurden in aller Schnelle hochgezogen – das impliziert natürlich eine höhere Fehlerdichte. Dies schlägt sich jedoch nicht nur in einer mangelhaften IT-Sicherheit nieder, die von Cyberkriminellen ausgenutzt werden kann. Viele Händler machen sich durch Fehler wie ein falsches Impressum, die Verwendung markenrechtlich geschützter Begriffe oder das Fehlen von Pflichtangaben  auch angreifbar für Abmahnungen. Hier beobachten wir in der letzten Zeit wieder verstärkt, dass Anwaltskanzleien systematisch nach solchen Verfehlungen das Internet durchsuchen und die Händler schließlich verklagen.  

procontra: Einige Cyber-Versicherungen bieten ja durchaus Schutz hiergegen.  

Haag: Wir sehen bei unseren Kunden mittlerweile auch durchaus ein höheres Risikobewusstsein, nur fehlt es derzeit schlicht und einfach bei vielen am Geld, um sich diesen Schutz leisten zu wollen.  

procontra: In den vergangenen Wochen erlebte Deutschland zudem einen harten Wintereinbruch – und das in einer Zeit, in der viele Ladengeschäfte geschlossen waren. Inwieweit hat das für zusätzliche Probleme gesorgt?  

Haag: Ein großes Problem waren in den vergangenen Tagen Leistungswasserschäden – allein in dieser Woche haben wir bereits vier massive Schäden verzeichnet. Auch hier zeichnet sich der Kostendruck vieler Händler ab: Händler, die ein Ladenlokal von beispielsweise 800 Quadratmetern Fläche derzeit nicht betreiben können, haben entsprechend wenig Interesse, dieses auf 25 Grad zu beheizen – schließlich kommen dann zum Umsatzausfall auch noch die Heizkosten hinzu. In manchen Fällen wird die Heizung dann aber offenbar zu weit heruntergefahren. Ein Beispiel: Wenn der Laden mit 23 Grad beheizt wird, reicht das in der Regel aus, dass auch bei Außentemperaturen von minus 15 Grad die Leitungen in den Außenwänden nicht gefrieren. Wird die Innentemperatur aber auf acht Grad gesenkt, reicht das eventuell nicht mehr aus, um das in der Regel schlecht isolierte Rohr vor der Kälte von außen zu schützen.  

procontra: Wie können Sie als Makler hier unterstützend tätig werden?  

Haag: Die normalen Geschäftsversicherungen setzen ja einen Betrieb des Geschäfts voraus. Wir konnten mit den Versicherern nun eine Vereinbarung erzielen, dass der Versicherungsschutz trotz Gefahrerhöhung auch ganz normal für die Zeit des Lockdowns gilt. In diesem Zusammenhang haben wir unsere Kunden auf ihre Obliegenheiten hingewiesen – sprich das Geschäft weiter zu beheizen, aber auch regelmäßig zu begehen. Es reicht nämlich nicht, das Geschäft hinter sich abzuschließen und das Ende des Lockdowns abzuwarten – stattdessen gilt es regelmäßig zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist oder eine Scheibe eingeworfen wurde, das Dach undicht oder ein Rohr geplatzt ist.  

procontra: Gibt es denn eine von den Versicherern festgeschriebene Temperatur?  

Haag: Nein, der Kunde ist nur verpflichtet, das Geschäft weiter zu beheizen. Die genaue Temperatur ist in den Versicherungsbedingungen jedoch nicht festgelegt. Kommentare zum Sachversicherungsrecht sagen aber, dass die Räume ausreichend beheizt werden müssen, um ein Einfrieren der Leitungen zu vermeiden. Es könnte also auch zu einem Problem werden, wenn der Kunde zum Beispiel die Heizungsanlage über längere Zeit nur auf Frostschutz stellt und die Rohre trotzdem einfrieren. Was konkret als ausreichend definiert wird, ist immer im Einzelfall zu sehen.

Zum Gesprächspartner: Björn Guido Haag ist Geschäftsführer der Richard Böck Versicherungsmakler GmbH, die sich auf den Versicherungsschutz für Textil-Einzelhändler spezialisiert hat.

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