Einzelhandel: „Der Kostendruck nimmt erheblich zu“

Martin Thaler Berater Versicherungen Top News

Seit Monaten sind die Fußgängerzonen in Deutschland verwaist, die Geschäfte haben weiterhin geschlossen. Über die derzeitige Situation des Handels, den erhöhten Kostendruck und den starken Wintereinbruch der vergangenen Wochen sprach procontra mit Spezialmakler Björn Haag.

Björn Haag Bild: Richard Böck Versicherungsmakler GmbH

Verzeichnet bei seinen Kunden eine erhöhte Preissensibilität: Versicherungsmakler Björn Haag von der Richard Böck Versicherungsmakler GmbH. Bild: Richard Böck Versicherungsmakler GmbH

procontra: Herr Haag, seit November gilt für den deutschen Einzelhandel ein weitgehender Lockdown. Wie ist die Situation bei Ihnen?  

Björn Haag: Noch beobachten wir weitgehend die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm – das liegt aber wohl auch daran, dass die Insolvenzantragspflicht aufgrund der Pandemie derzeit ausgesetzt ist. Das dicke Ende kommt also erst noch – wie dick es ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Von unseren Kunden hören wir jedoch, dass es bei vielen finanziell kurz vor knapp steht: Ein über den März hinausgehender Lockdown dürfte für viele nicht zu stemmen sein, zumal die staatlichen Transferleistungen bislang auch nicht so fließen, wie sie eigentlich sollten.  

procontra:  Durch die Corona-Pandemie steht auf einmal ein Versicherungsprodukt im Schweinwerferlicht, das zuvor wohl nur Experten ein Begriff gewesen sein dürfte: die Betriebsschließungsversicherung. War diese auch für Ihre Kunden im Einzelhandel ein Thema?  

Haag: Lediglich im Lebensmittelhandel spielten diese Policen eine Rolle, für andere Branchen war das Thema irrelevant: Wenn beispielsweise bei einem Schuheinzelhändler bei einem Mitarbeiter eine infektiöse Krankheit festgestellt worden wäre, hätte der Betrieb ja bestenfalls kurzfristig geschlossen werden müssen. Eine Desinfizierung des Betriebs hätte nicht erfolgen, die Ware nicht entsorgt werden müssen. Letztlich fehlte es bei den meisten Einzelhändlern vor der Pandemie am entsprechenden Risikobewusstsein, gleichzeitig aber auch an für sie passenden Produkten.  

procontra: Hat sich das Risikobewusstsein durch die Pandemie denn geändert?  

Haag: Definitiv, zumindest im Hinblick auf Betriebsschließungsversicherungen. Hier haben wir im Spätsommer und Herbst, als ein zweiter Lockdown sich bereits abzeichnete, eine Vielzahl von Anfragen bekommen. Allerdings haben die Versicherer ihre Betriebsschließungslösungen entweder vom Markt genommen oder so überarbeitet, dass bei Allgemeinverfügungen oder Pandemien der Versicherungsschutz ausgeschlossen wird – hier sind die Ausschlüsse teilweise länger als die übrigen Versicherungsbedingungen. Unter diesen Voraussetzungen ist eine Betriebsschließungsversicherung für einen Schuhhändler oder ein Möbelhaus jedoch vollkommen uninteressant.  

procontra: Und abseits der Betriebsschließungsversicherung?  

Haag: Aufgrund der wegbrechenden Einnahmen in den vergangenen Monaten erleben wir eine erhöhte Preissensibilität bei unseren Kunden. Diese stellen sich derzeit die Fragen, wie und wo sie sparen können, was sie sich noch leisten wollen und können und was aus ihrer Sicht verzichtbar erscheint. Der Kostendruck nimmt erheblich zu, wodurch auch der Versicherungsschutz verstärkt infrage gestellt wird – eine riskante Entwicklung.  

procontra: Also eher eine Reduzierung des Versicherungsschutzes als ein Ausbau?  

Haag: Das hängt immer vom jeweiligen Unternehmen ab. Bei größeren Firmen mit angestelltem Geschäftsführer verzeichnen wir beispielsweise ein verstärktes Interesse an D&O-Versicherungen. Das liegt daran, dass sich durch die Corona-Krise die Zahl der Klageanlässe erhöht hat: Wurde es seitens der Geschäftsführung verpasst, staatliche Hilfen zu beantragen? Wurde zu spät auf Kurzarbeit umgestellt oder ein Online-Shop aufgesetzt? Für die Fremdgeschäftsführer und Vorstände besteht hier derzeit ein erhöhtes Haftungspotential, da die Anspruchsgrundlagen mittlerweile sehr vielfältig sind. Hier spüren wir seitens der Betroffenen mittlerweile eine deutlich höhere Sensibilität.  

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