Das verunglückte Mädchen und die Sorgfaltspflicht

Martin Thaler Berater Recht & Haftung

Eine umsichtige Fahrweise und die Beachtung von Warnhinweisen und Regeln obliegt nicht nur Autofahrern allein, sondern auch Radlern. Wer sich hieran nicht hält, dem droht im Schadensfall die alleinige Haftung, wie ein Urteil des OLG München zeigt.

Sorgfaltspflicht Bild: Pixabay/ErikaWittlieb

Bei Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht droht im Fall eines Unfalls die alleinige Haftung. Bild: Pixabay/ErikaWittlieb

Sorgfaltspflichten im Verkehr gelten nicht nur für Autofahrer. Auch wer mit seinem Rad unterwegs ist, hat sich an die Regeln zu halten. Dies machte unlängst ein Urteil des Münchener Oberlandesgerichts deutlich (Az: 10 U 2847/20).  

Was war passiert?  

Ein 15-jähriges Mädchen war mit ihrem Rad unterwegs. Zunächst fuhr sie auf dem Radweg, überfuhr dann aber einen Gehweg und gelangte auf die Straße. Hier kollidierte sie mit einem herannahenden Auto.

Nach dem Unfall forderte das Mädchen vom Autofahrer Schadensersatz in Höhe von 200 Euro und Schmerzensgeld in Höhe von 40.000 Euro. Laut ihren Angaben war dieser deutlich zu schnell unterwegs gewesen. Da am Unfallort die Sicht des Autofahrers auf den Radweg durch parkende Fahrzeuge sowie hohe Hecken und Büsche beeinträchtigt worden war, hätte dieser allenfalls Schrittgeschwindigkeit vor Ort fahren dürfen.  

Die Versicherung des Autofahrers verweigerte allerdings die Zahlung: Dieser sei zum Unfallzeitpunkt gerade einmal 32 Stundenkilometer schnell gewesen. Zudem sei das Mädchen, ohne auf die Vorfahrt des Autofahrers zu achten, auf die Straße gefahren. Der Fall landete vor Gericht.  

Das Urteil  

Dieser Auffassung schloss sich auch das Gericht an. Für den Autofahrer sei eine gefährliche Situation nicht erkennbar gewesen. An konkreten Anhaltspunkten hierfür fehlte es, da die Radfahrerin durch eine hohe Hecke für den Autofahrer gar nicht sichtbar gewesen war.  

Das Gericht stellte fest, dass das Mädchen trotz eines Hinweisschildes „Vorfahrt gewähren“ ohne anzuhalten auf die Straße gefahren war. Als 15-Jährige könne man von ihr aber erwarten, die Bedeutung des Straßenschildes zu erkenne.

Wegen des erheblichen Sorgfaltsverstoßes musste das Mädchen alleine haften.