Altersvorsorge: „Ein Obligatorium ist nichts wirklich Schlimmes“

Martin Thaler Versicherungen Top News

procontra: Arbeitsminister Hubertus Heil bemerkte 2019, dass die bAV das Mittel der Wahl sei, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Mehrfach hat die Bundesregierung auch in den vergangenen Jahren mit Reformen versucht, die betriebliche Altersversorgung attraktiver zu gestalten. Dennoch entwickelt sich deren Verbreitungsgrad nur bescheiden in die gewünschte Richtung. Woran hakt es?  

Golatka: Zunächst einmal glaube ich schon, dass die Verbesserungen der jüngeren Vergangenheit einiges gebracht und die bAV aufgewertet haben. Zu beobachten ist aber auch, dass die Parteien nicht müde werden, den nächsten großen Wurf bei der Altersvorsorge anzukündigen. Praktisch jede Partei hat eine eigene Idee im Gepäck für eine staatliche Lösung. Bei den Kunden sorgt das meiner Meinung nach für Verunsicherung. Kommt die Deutschland-Rente? Wie wird die dritte Säule reformiert oder gar die gesetzliche Rente noch einmal erhöht? Gerade diejenigen, die noch nicht für ihren Ruhestand vorgesorgt haben, lehnen sich angesichts dieser Debatten zurück und warten ab, wie sie sich entwickeln. Hier braucht es Klarheit und Verlässlichkeit seitens der Politik.  

procontra: Diese Debatte dürfte angesichts des Wahljahres und einer möglichen neuen Regierungskoalition in naher Zukunft aber nicht leiser geführt werden.  

Golatka: Zu beobachten ist zumindest, dass die zweite Säule – unabhängig davon, welche Parteien sich am Ende in der Wählergunst durchsetzen werden – weiter von Bedeutung sein wird. Wichtig wäre es für die neue Regierung, insgesamt für die benötigte Klarheit zu sorgen. Die Bundesregierung muss ihren eigenen Entscheidungen auch Zeit geben, damit sie in der Umsetzung reifen können. Da brauchen wir nicht nur klarere Aussagen von der Politik, wie es in puncto Alterssicherung weitergehen soll, sondern auch langfristig verlässliche. Die ganzen Nebenkriegsschauplätze, die ständigen Diskussionen über alternative Modelle oder Staatsfonds müssen mal zur Seite gelegt werden. Dieser Zick-zack-Kurs der Politik führt am Ende dazu, dass der Bürger verunsichert wird und am Ende ohne Absicherung dasteht. Das ist verantwortungslos.

procontra: Klarheit könnte ja auch in Form eines bAV-Obligatoriums entstehen, das ja mittlerweile auch in Reihen der CDU seine Anhänger gefunden hat. Wäre das nicht die beste Lösung oder aus Ihrer Sicht eher ein Schreckensszenario?  

Golatka: Ein Obligatorium ist – zumindest aus unserer Sicht – nichts wirklich Schlimmes.  Allerdings bedeutet das Zwang und viele Menschen möchten frei entscheiden können. Zudem besteht die Gefahr, dass sich Unternehmen mit einer leistungsstarken betrieblichen Altersvorsorge auf die Konditionen, die für ein Obligatorium infrage kommen, zurückziehen würden – für sie wäre das ein Schnäppchen. Für mich finden diese Diskussionen jedoch immer zu sehr nach einem Schwarz-Weiß-Schema statt, es wird zu wenig auf mögliche Mittelwege geachtet: Statt eines vollumfänglichen Obligatoriums könnte man doch eine Vorstufe, ein „sanftes Obligatorium“ wählen.   

procontra: Wie würde das aussehen?  

Golatka: Den Sozialpartnern oder auch Arbeitgebern könnte ein gewisser Zeitraum zugestanden werden, in dem sie sich für eine bestehende Altersvorsorge-Möglichkeit für ihre Mitarbeiter entscheiden. Lassen sie diesen Zeitraum ungenutzt verstreichen, wird Zwang angewandt. Den Druck erhöhen, aber stufenweise – das wird meiner Meinung nach nötig sein, weil wir sonst schlicht und einfach nicht alle erreichen. Gerade in den heute im Durchschnitt schlechter versorgten kleinen und mittelgroßen Unternehmen.   Darum plädieren wir dafür, das „Auto Enrollment“ rechtssicher zu ermöglichen, also die automatische Einbeziehung der Arbeitnehmer in bestehende betriebliche Altersvorsorgesysteme. So ist es in anderen Staaten die Regel, in denen die bAV-Durchdringungsquote wesentlich höher ausfällt. Der Blick in die Welt ist in diesem Zusammenhang sehr zu empfehlen.

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