Absturz nach Kursexplosion: Bebt nach GameStop das Vertrauen in Aktien?

Wolfgang Zehrt Berater Panorama

Wer vor einem Jahr eine Aktie der US-Videospielkette GameStop hielt, konnte sie vergangene Woche mit 2800 Prozent Gewinn verkaufen: Erstmals hatten sich tausende Junganleger im Internet verabredet, um einen Kurs gezielt in die Höhe zu treiben. Inzwischen fällt der Wert wieder in den Keller – wird die Aktien-Skepsis in Deutschland durch diese Achterbahn-Fahrt an der Börse noch größer?

Bild: Pixabay/Ryan McGeuire

Beim Kräftemessen zwischen Fonds und Kleinanlegern gibt es zahlreiche Verlierer Bild: Pixabay/Ryan McGeuire

Das inszenierte Auf- und Ab einer im Sterben befindlichen amerikanischen Videospielkette an der Börse war womöglich erst der Anfang: Gleich darauf verabredeten sich tausende von Kleinanlegern im Internet, den Silberkurs zu beeinflussen. Nun sollen auch deutsche Aktiengesellschaften auf der Ziel-Liste der unorganisierten Crowd-Investoren stehen. Selbst wenn das stimmt: Nur wenn viele Zehntausend einem solchen Aufruf folgen, wirkt sich das auf einen Kurs aus.

Neuland: Tausende verabreden sich zum Aktienkauf

„Flash-Mobs“ waren bis vergangene Woche kleine und größere Gruppen, die spontan zu einer kurzzeitig im Internet angekündigten Veranstaltung kommen, die oft spaßigen Charakter hat. Der „Aktien-Flashmob“, der nach einem Aufruf auf der Plattform reddit.com begann, massenhaft Aktien von Gamestop zu kaufen, war zumindest für viele mächtige Hedgefonds alles andere als Spaß: Diese hatten auf den Kursverfall von Gamestop zuvor viel Geld gewettet und machten mit dem überraschend hochgetriebenen Kurs zum Teil Milliarden-Verluste. Genutzt haben die US-Kleinanleger, die den Gamestop-Kurs in schwindelerregende Höhen trieben, kostenlose Trading-Apps. Diese sperrten zum Teil den Kauf weiterer GameStop-Aktien und setzten sich damit dem Vorwurf aus, keine neutrale Handelsplattformen zu sein. Dr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts, sieht in dem fragwürdigen Geschäftsgebaren auch eine lauernde Gefahr für andere Broker. Gegenüber procontra erklärte sie: „Das Vertrauen in Handelsplattformen und in Broker könnte Schaden nehmen, weil die meisten Anleger nicht verstehen können, was hier eigentlich passiert ist.“

Börsenturbulenz trifft auf aktienkritische deutsche Anleger

Doch wirkt sich die turbulente Entwicklung der Aktienkurse auch auf die ohnehin stark von Sicherheit geprägte deutsche Geldanlagekultur aus? Laut Deutscher Bank verfügen lediglich zehn Millionen Bundesbürger über Wertpapiere, das entspricht zwölf Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten hat rund die Hälfte der Bevölkerung ihr Geld auch in Unternehmensanteile investiert. Das Deutsche Aktieninstitut bleibt im Bezug auf mögliche Auswirkungen gelassen: „Insgesamt halte ich den möglichen Schaden konkret für Aktien als Anlageform für überschaubar – zumal die Beeinflussung bei den unterschiedlichsten Produkten versucht wird“, so Vorständin Bortenlänger.

Aktienkauf nach Internetaufruf: Viele werden verlieren

Nach Gamestop versuchte die schnell um mehrere Millionen Mitglieder gewachsene Reddit-Gruppe „wallstreetbets“ offenbar massiv in Silber zu investieren, das Edelmetall erreichte kurzzeitig ein Achtjahres-Hoch, der Preis sinkt aber bereits wieder. Ob das Flashmob-artige Investieren in Aktien wie Gamestop die Ausnahme bleibt, kann schwer vorhergesagt werde: Es gab bereits Initiativen innerhalb dieser Gruppe, jetzt deutsche Aktien zu investieren, deren Kurse durch Leerverkäufe von Hedgefonds ausgebremst werden. Anleger, die auf diesen Zug aufspringen möchten, warnt Dr. Bortenlänger: „Mit dieser Zockerei gehen Menschen ein sehr hohes Risiko ein. Am Ende wird es voraussichtlich einige Gewinner und viele Verlierer geben. Am besten fährt an der Börse, wer langfristig und breit gestreut investiert. Das ist nicht langweilig, sondern clever.“ Die Warnung scheint angebracht: Die Gamestop-Aktie ist bereits vom Rekordstand mit 409 Dollar am vergangenen Donnerstag auf knappe 60 Dollar am heutigen Morgen gefallen.