LV: „Die herkömmliche Überschussbeteiligung verliert an Bedeutung“

Anne Hünninghaus Versicherungen LV-Check

Die Mehrheit der Lebensversicherer hat die Überschussbeteiligung für dieses Jahr gesenkt. Wie können die Produkte unter den derzeitigen Umständen überhaupt attraktiv bleiben? procontra hat bei den drei Schlusslichtern in puncto laufender Verzinsung nachgehakt.

Überschussbeteiligungen; Bild: Adobe Stock/Coins

Geringe Überschussbeteiligungen: Wie kann die LV attraktiv bleiben? Bild: Adobe Stock/Coins

Die fetten Jahre sind vorbei, das ist erst einmal keine Neuigkeit. Auch für 2021 hat eine Mehrheit der Lebensversicherer laut Überschussbeteiligungsdeklarationen den laufenden Zins – teils erheblich – reduziert. Der Mittelwert der 30 von procontra betrachteten Anbieter liegt bei 2,00 Prozent und damit deutlich unter dem von 2020, als dieser Wert für dieselben Tarife noch immerhin 2,36 Prozent betragen hatte.

Bei elf Anbietern blieb die Beteiligung stabil, 18 Lebensversicherer senkten die Beteiligungen für dieses Jahr. Am heftigsten fielen die Kürzungen bei der R+V (minus 0,65 Prozentpunkte) und den Ranking-Schlusslichtern Debeka sowie Barmenia (jeweils minus 0,5 Prozentpunkte) aus. Für die Kunden mit einer Performance-Rente senkte die R+V die laufende Verzinsung von 2,4 Prozent auf nun 1,75 Prozent, gleiches gilt für die R+V-Privatrente. Noch geringer fällt die laufende Verzinsung in der LV bei der Barmenia aus, die von 2,16 Prozent im Vorjahr auf 1,65 Prozent fiel. Den geringsten Zins bietet mit 1,25 Prozent (2020: 1,75 Prozent) die Debeka Leben (eine Übersicht finden Sie hier).

So äußern sich die Anbieter mit der geringsten laufenden Verzinsung

„Die seit Jahren außerordentlich schwierige Situation am Kapitalmarkt hat sich im Jahr 2020, auch bedingt durch die Corona-Pandemie, noch weiter verschärft. Da nicht davon auszugehen ist, dass sich die Zinsen kurz- und mittelfristig erholen, waren auch wir gezwungen, die Überschussdeklarationen für 2021 abzusenken“, sagte ein Debeka-Sprecher auf proconta-Nachfrage.

Auch die Barmenia verweist gegenüber procontra auf die allgemeine Gemengelange: „Derzeit erleben wir ein vorher nie dagewesenes Niedrigzinsniveau. Deutsche Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit zeigen eine negative Rendite auf", so Vorstandsmitglied Ulrich Lamy. Bleibt die Frage, wie die Lebensversicherung unter diesen Umständen und mit immer weiter schwindenden Überschussbeteiligungen für Kunden attraktiv bleiben kann.

Gegen den Renditeschwund setzen immer mehr Anbieter auf Produkte mit weniger Sicherheit, also niedrigeren Garantien, sowie auf moderne Kapitalanlagestrategien. „Über die Zukunft können wir hier nur schwer Aussagen treffen. Die künftige Entwicklung ist vor allem stark abhängig von der Entwicklung der Inflation, der Geldpolitik der Notenbanken und das damit eng zusammenhängende Zinsniveau in den verschiedenen Wirtschaftsregionen“, so Lamy. Dennoch möchte man sich bei der Barmenia vom Grundkonzept nicht komplett verabschieden: „Garantien bleiben unserer Meinung nach auch in Zukunft wichtig, weil sie Verlässlichkeit und Sicherheit bieten. Und das sind wichtige Argumente für Kunden und Vermittler. Immerhin geht es bei unseren Garantieprodukten um Altersvorsorge und damit um eine verlässliche Grundlage für einen sorgenfreien Ruhestand.“

„Kundenwunsch nach mehr Rendite"

Gleichzeitig beobachte man eine wachsende Bereitschaft der Kunden, angesichts der Entwicklungen am Kapitalmarkt für höhere Renditeaussichten auch niedrigere Garantien zu akzeptieren. „Zweifellos werden sich die heutigen Versicherungslösungen daher in den nächsten Jahren verändern“, deutet Lamy an. Schon jetzt bietet die Barmenia im Neugeschäft keine klassische Lebens- und Rentenversicherung mehr an. Gleichzeitig erlebe man einen starken Anstieg des Neugeschäfts im Bereich der fondsgebundenen Produkte.

Auch die R+V möchte künftig mit fondsgebundenen Rentenversicherungen bei ihren Kunden punkten. „Es gibt einen deutlichen Kundenwunsch nach mehr Rendite. Klassische Garantieprodukte sind für die meisten Kunden deshalb aktuell weniger attraktiv, da sie im aktuellen Umfeld die gewünschte Rendite nicht mehr erzielen können“, so ein Sprecher der Versicherung. Für sicherheitsorientierte Kunden biete man jedoch weiterhin Produkte mit werthaltigen Garantiebestandteilen an.

„Überschussbeteiligung verliert an Bedeutung"

„Die herkömmliche Überschussbeteiligung verliert faktisch an Bedeutung", fasst die Debeka die derzeitige Lage zusammen. Die Situation am Kapitalmarkt habe es notwendig gemacht, die Produktpalette im Neugeschäft schon in den vergangenen Jahren von klassischen Produkten auf fondsgebundene Produkte umzustellen. Da Verträge mit hohem Rechnungszins ohnehin keine laufende Überschussbeteiligung mehr erhalten, ist die aktuelle Überschussdeklaration für sie folgerichtig irrelevant. „Die Debeka bietet auch in 2021 weiterhin Produkte mit einem Garantiezins an. Den absoluten Schwerpunkt im Neugeschäft bilden aber Produkte, bei denen der Beitrag zum Teil oder komplett in Fonds investiert wird." Dass Produkte mit garantierter Verzinsung immer weiter an Attraktivität verlieren, habe das vergangene Jahr noch einmal deutlich gezeigt.

Trotz allem gibt man sich vor allem bei der Barmenia optimistisch: Bereits in der Vergangenheit habe die Lebensversicherung sich als krisensicher erwiesen – auch wenn die Renditen zurückgegangen seien und die Überschussbeteiligungen geringer ausfielen als zu Vertragsbeginn erwartet. „Die Ablaufrenditen von fällig gewordenen Lebensversicherungen zeigen, dass sich Lebensversicherungen in der Kapitalmarktkrise gegenüber anderen Anlageformen mehr als gut geschlagen haben. Hinzu kommt das Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherung: die Möglichkeit des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit.“ Diesen Benefit, so der Versicherer, könne nach wie vor kein Bank- oder Fondsprodukt in vergleichbarer Weise bieten. Ob womöglich angesichts der Zahlen enttäuschte Kunden ähnlich positiv in die Zukunft blicken, bleibt derweil abzuwarten.