Der Corona-Effekt auf Insurtechs: Erst Gründung, dann Pleite?!

Anne Hünninghaus Top News Versicherungen Digital

Kooperationen sind gefragt

Statt Risikokapital in Start-ups zu pumpen, setzen die großen Versicherungen derweil eher auf Kooperationen. „Beim klassischen Corporate Venture Capital sind wir im Bereich Insurtechs – Corona-unabhängig – bereits über den Zenit hinaus“, schätzt Dördrechter ein. Dass Versicherer tendenziell in puncto Investments sparsamer werden, liegt nicht zuletzt daran, dass es oft knirscht, wenn beide Welten aufeinandertreffen. Wird eine junge dynamische Einheit in einen solchen Tanker hineingehängt, funktioniert das naturgemäß nicht immer reibungslos.

Ein wichtiges Thema: Über die Digitalisierung von Geschäftsmodellen wird seit einem knappen Jahr viel gesprochen. Die Krise und der Zwang zum Social Distancing führten auch dem letzten Verfechter des analogen Alltags vor Augen, wie wichtig wachsende Digitalkompetenz ist. Auch in einer Branche, die oft als extrem schwerfällig gescholten wurde? „Wir beobachten bei den Versicherern eine Entscheidungsfreude und Schnelligkeit, wie sie bisher nicht üblich waren“, sagt Gnam vom Insurtech Hub. Viele der etablierten Versicherer holten jetzt die in der Vergangenheit versäumte Digitalisierung im Vertrieb im Laufschritt nach. Der eigene Vertrieb fordert nun die Lösungen ein, denen man vorher oft skeptisch gegenüberstand, denn selbst die Kunden, die vor der Corona-Krise wenig onlineaffin waren, verlangen nun nach digitalen Lösungen.

Große Sprünge sieht Dördrechter indes nicht bei allen. „Jenseits der Homeoffice-Kultur haben viele Versicherer seit Ausbruch der Pandemie kein Feuerwerk an neuen Digitalisierungsprojekten gestartet, sondern setzen nur ihre schon eingeschlagene Marschrichtung fort.“ Zwar habe es zweifelsohne einen Boost der digitalen Vertriebsinfrastrukturen gegeben, neue Ideen für Produkte und Disruptionen der Branche hätten die vergangenen Monate aber vermissen lassen.

Auf die Sparte kommt es an

Wie gut junge Unternehmen der Branche durch die Krise kommen, ist derweil eng an ihr Geschäftsfeld geknüpft. Digitale Gesundheitslösungen haben aktuell naheliegenderweise Hochkonjunktur, neben der Herausforderung Corona wirkt auch das Digitale-Versorgung-Gesetz als wichtiger Katalysator. Die Telemedizin ist einer der Techsektoren, die am stärksten von der Krise profitiert haben. Ähnliches dürfte bald auch für das Thema Enterprise 2.0 gelten: „Es ist schon jetzt offensichtlich, dass die Prozesse in der Arbeitswelt, die Interaktion mit Kunden, die betrieblichen IT-Systeme nach der Krise nicht zum Vor-Corona-Status zurückkehren werden“, so Gnam. Aber auch das Thema Fahrradversicherung hat durch den Fahrradboom als Sondereffekt der Krise an Potenzial gewonnen – nachdem es hier jahrelange Stagnation gegeben hatte. Das ohnehin langsame, aber stetige Schwinden des deutschen Autoenthusiasmus – vor allem innerhalb der Städte – wurde indessen in diesem Jahr beschleunigt. „Kfz wird perspektivisch weiter an Stückzahl verlieren, darauf stellen sich die Hersteller bereits ein“, sagt Dördrechter. Warum das Insurtech Getsafe ausgerechnet jetzt das hart umkämpfte Kfz-Geschäft entert, mag da verwundern.

Die Krise inspiriert zu zwei Trends

Dient diese Krise womöglich auch als Ini­tialzündung für neue Ideen im Versicherungsbereich? Dördrechter beobachtet hier zwei Effekte. Zum einen habe man beim konfliktreichen Thema „Betriebsschließung“ große Verunsicherung gesehen. Dass sie im Falle eines nationalen Notstands nicht entsprechend abgesichert sind, war den wenigsten Kunden bewusst. Das Learning daraus: „Wir benötigen mehr Klarheit darüber, welcher exakte, messbare Umstand eine Versicherungsleistung auslöst. Ich erwarte den Trend, dass es mehr Start-ups geben wird, die den Versicherungsfall an objektive Triggerevents knüpfen.“ Im Kleinen gibt es solche sogenannten parametrischen Versicherungen schon. InsurTechs wie Wetterheld koppeln die Leistung nicht mehr an die subjektive Einschätzung der Versicherungsmitarbeiter, sondern legen messbare Kriterien zugrunde. Als zweiten krisenbefeuerten Trend nimmt Dördrechter den Bereich „Predictive Insurance“ wahr, also das datengestützte vorsorgliche Handeln aufgrund einer zuverlässigeren, auf künstlicher Intelligenz basierenden Vorhersehbarkeit von Ereignissen, um Schadensfälle vor deren Eintreten zu verhindern.

Insurtechs profitieren vom gesellschaftlichen Wandel

Der Kreis der digitalaffinen Kunden wächst durch alle Bevölkerungsschichten, InsurTechs profitieren von diesem gesellschaftlichen Wandel. Das sieht auch Dördrechter so: „Der Trend hin zum digitalen Vertriebsapparat ist nicht umkehrbar.“ Davon zehren unter anderem Anbieter wie Clark, White-Labeling-Lösungen sind gefragt wie selten zuvor.

„Ich bin zuversichtlich, dass es nicht zu einer großen Pleitewelle kommt. Aber es wird vereinzelte Unternehmen geben, die aufgeben müssen“, so seine Prognose. Selbst der neuerliche Lockdown sei verkraftbar, da sich nun zumindest das Gros der Anbieter auf die Sondersituation der Pandemie einstellen konnte. Die entstandene Delle im stationären Vertrieb und bei den Neuabschlüssen führt in seinen Augen lediglich zu einer zeitlichen Verschiebung in ursprünglich ambitionierteren Wachstumsplänen der Insurtechs.
Statt einer weiteren Bedrohung für Jungunternehmen durch Corona sieht der Experte derweil etwas anderes gefährdet, nämlich deren Beschreibung selbst: „Der Terminus Insurtech wird als differenzierendes Merkmal für Start-ups in der Versicherungsbranche immer mehr an Bedeutung verlieren, weil der ‚Tech‘-Part für alle etablierten Versicherer selbstverständlich geworden sein wird.“

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