Der Corona-Effekt auf Insurtechs: Erst Gründung, dann Pleite?!

Anne Hünninghaus Top News Versicherungen Digital

Die Corona-Krise brachte mit Joonko und Getsurance bereits zwei bekannte Insurtechs mangels Kapital ins Straucheln. Wie düster wird 2021, wie krisenfest sind die Jungunternehmen tatsächlich?

Insurtechs in der Krise; Bild: Adobe Stock/Stanisic Vladimir

Die Corona-Krise hat auch manches Versicherungs-Start-up im vergangenen Jahr kalt erwwischt. Bild: Adobe Stock/Stanisic Vladimir

Die Ambitionen waren groß, die Idee durchaus reizvoll: Joonko wollte dem branchenweit ungeliebten Platzhirsch Check24 Konkurrenz machen. Doch ziemlich genau ein Jahr nachdem das Berliner Insurtech mit einer Betaversion für den Vergleich von Kfz-Policen gestartet war, löst die einstige Vision sich wieder in Luft auf. „Die Pandemie hat uns gezeigt, dass mehr Kapitalpuffer nötig ist. Eine ausreichende Finanzierung konnten wir mit unseren Investoren leider zu diesem Zeitpunkt nicht realisieren“, erklärte CEO Dr. Carolin Gabor Ende Oktober. Die 43 Mitarbeiter sollen neue Job-Angebote von der finleap-Gruppe bekommen, die Joonko mit aufgebaut hat. Ebenfalls schlechte Neuigkeiten hatte es nur wenige Tage zuvor vom 2016 gegründeten BU-Anbieter Getsurance gegeben, der nach Zahlungsschwierigkeiten einen Insolvenzantrag stellen musste. Man sei auf der Suche nach einem neuen Investor, der zum Jahreswechsel einsteigen könnte, hieß es im Herbst. Nun, Mitte Januar 2021 nachgefragt, gibt es allerdings noch keine solche frohe Kunde zu vermelden.

Dass junge Firmen aufgeben müssen, ist erst einmal kein Corona-Spezifikum. Generell gilt: Über 80 Prozent aller Start-ups scheitern innerhalb der ersten drei Jahre, wirklich erfolgreich wird nur jedes zehnte. Trotz visionärer Ansätze gehört das hohe Risiko des Scheiterns dazu – einen Gesichtsverlust für Gründer bedeutet das nicht. Im Bereich Insurtechs gibt es laut Branchenexperte Dr. Nikolai Dördrechter sogar „unproportional wenige Pleiten“.

Die Investitionsbereitschaft schwankt

Mehr Kapital hätte Joonko und auch Getsurance helfen können. Die jungen Digitalaffinen stellen eine hart umkämpfte und dabei wechselwillige Zielgruppe dar, die Akquisitionskosten sind für Insurtechs entsprechend hoch – und bis der Wert des Kunden im Laufe der Zeit gehoben wurde, ist schon viel Geld geflossen. „In Wachstum zu investieren, ist teuer – das hat aber mit Corona nichts zu tun“, ordnet Dördrechter ein. Ein grundsätzliches Problem liege in ambitionierten Businessplänen mit maximal ausgereizten Unternehmensbewertungen. So werde im prognostizierten Kundenwachstum oft zu hoch gepokert: „50.000 Neukunden in einem Jahr sind eigentlich ein toller Erfolg – wenn den Inves­toren aber 300.000 versprochen wurden, reicht das schlichtweg nicht aus.“  

Durchaus der Corona-Krise zuzuschreiben ist aber die zeitweilige Zurückhaltung der Investoren. „Auch wenn das niemand offiziell zugegeben hat: 2020 haben sich Investoren für zwei bis drei Monate abgemeldet und in dieser Zeit nur mit dem bestehenden Portfolio beschäftigt“, weiß Dördrechter. Vermeintlich neue Deals waren mehrheitlich schon im vergangenen Jahr angeleiert worden. Statt neuer Pitches und offizieller Kapitalrunden haben bestehende Investoren InsurTechs in diesem Jahr vielfach im Stillen zu einer Brückenfinanzierung verholfen. Ob bei Project A, Holtzbrinck Ventures, Digital+ oder Earlybird: Venture Capital sei trotz der Krise ausreichend vorhanden, so Dördrechter. Auch gab es einige Positivbeispiele im vergangenen Jahr: Das Hamburger Schadensregulierungs-Insurtech Claimsforce sammelte im Sommer satte sieben Millionen Euro von Investoren ein, der Berliner White-Label-Versicherer Element polsterte sein Kapital um zehn Millionen Euro auf.

„Für die Venture-Capital-Geber könnte jetzt eine alte Anlegerweisheit Bestand haben: In Krisenzeiten steigen Mutige oft günstiger als sonst ein – auch bei Geschäftsmodellen, deren Potenzial sich erst in der Post-Corona-Zeit zeigen wird“, beobachtet Christian Gnam, Managing Director des Insurtech Hub München. Es geht wieder bergauf, das belegen Zahlen, die Willis Towers Watson im Herbst erhoben hat. Nachdem die Investments im ersten Quartal dieses Jahres Pandemie-bedingt geschrumpft waren, haben sie ein halbes Jahr später einen neuen Höchststand erreicht. Laut Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung des Beratungsunternehmens, zeigen die Daten, „dass Investoren trotz der Covid-19-bedingten Umwälzungen großes Wachstumspotenzial für InsurTechs erkennen“. Obwohl sich im dritten Quartal keine Mega-Deals ergaben, machten Finanzierungen in deutsche Insurtechs demnach fünf Prozent aller weltweiten Transaktionen aus – und liegen damit sogar leicht über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre von vier Prozent.

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