Joonko-Aus: „Das Feld wird damit in Deutschland weiter Check24 überlassen“

Martin Thaler Digital Top News Versicherungen

procontra: Ergeben sich aus der Corona-Krise denn auch selbst Ansätze für neue Geschäftsmodelle?  

Niroumand: Das Thema „New Work“ gewinnt durch die Corona-Pandemie enorm an Bedeutung. Es stellt sich die Frage, ob die zuvor präferierten „open spaces“ immer noch das passende Arbeitsumfeld sind, oder ob in Pandemiezeiten nicht wieder Einzelbüros die bessere Option sind oder weniger Flächen benötigt werden. Da man aber nicht für alle Mitarbeiter ein Einzelbüro einrichten kann, braucht es die richtige Balance aus Einzelbüros, Homeoffice und öffentlichem Austausch – daraus ergeben sich wiederum Auswirkungen auf den Versicherungsschutz, die es zu beachten gilt. Wir sehen gerade sehr viele interessante Ansätze in diesem Bereich. Auch das Thema Nachhaltigkeit hat durch die Corona-Pandemie noch einmal mehr an Bedeutung gewonnen, was sich in der Finanzindustrie durch eine Vielzahl neuer Projekte und Produkte niederschlägt.  

procontra: In den USA feierten jüngst Insurtechs wie Lemonade und Root sehr erfolgreiche Börsengänge. Warum sehen wir so etwas nicht in Deutschland – sind die deutschen Unternehmen schlicht noch nicht soweit?

Niroumand: Wenn man sich mal die Kollegen von Wefox, One oder auch Clark und Element anschaut, müssen wir uns im Hinblick auf Technologie und Usability sicherlich nicht hinter Lemonade & Co. verstecken. Allerdings ist ein Finanzvolumen, was Lemonade bereits bei seinem Börsengang eingesammelt hat, hierzulande nicht möglich. In Europa und Deutschland ist das Vertrauen in großflächige Veränderungen bei weitem nicht so stark ausgeprägt wie in den USA, zudem ist hier der Markt wesentlich fragmentierter. Obwohl hierzulande in der Versicherungsbranche viel Geld vorhanden ist, werden Ideen nicht mit der Konsequenz verfolgt und finanziert, wie das bei Lemonade zu beobachten ist.

procontra: Kann das zum Problem für die europäischen Insurtechs werden? Finanzstarke Unternehmen wie Lemonade haben schließlich schon den Sprung über den großen Teich gewagt.  

Niroumand: Selbst Tim Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom und damit CEO einer der größten deutschen Technologieunternehmen, hat im Hinblick auf den Wettstreit um die digitale Welt zwischen Silicon Valley und deutschen Unternehmen gesagt, dass wir dabei sind, die zweite Halbzeit zu verschlafen. Wir müssen uns hier in Europa technologisch nicht verstecken. Allerdings ist es einfacher, eine digitale Plattform in einem Markt für 300 Millionen auszurollen als in einem fragmentierten Markt wie Europa, mit unterschiedlichen Sprachen und uneinheitlicher Regulatorik. Wenn wir es nicht hinbekommen, Gesetze zu harmonisieren, werden wir den Wettstreit der Plattformen und letztlich der Daten verlieren. Da steht es mittlerweile fünf vor zwölf. Ereignisse wie der Wirecard-Skandal erweisen uns natürlich einen Bärendienst, da sie das Vertrauen in Technologie-Unternehmen noch einmal nachhaltig schädigen.

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Fünf vor Zwölf"