DAX-Reform: Was ändert sich für Anleger?

Wolfgang Zehrt Investmentfonds

Im September nächsten Jahres wird aus dem deutschen Leitindex DAX30 der DAX40 – eine Konsequenz vor allem aus dem Wirecard-Skandal. Wird für DAX- und MDAX-Anleger jetzt alles anders?

DAX-Kurve 1992

Der DAX 1992 - jetzt kommt die erste große Reform. Bild: Deutsche Börse, Frankfurt.

Als Wunderkind bejubelt, verdrängte der Zahlungsdienstleister Wirecard 2018 die Commerzbank aus dem Börsenbarometer der deutschen Wirtschaft. Während die Financial Times in London über dubiose Geschäfte und Luftbuchungen bei dem ehemaligen Pornoseiten-Bezahldienst berichtete, sahen weder Deutsche Börse noch die Bundesanstalt für Finanzaufsicht einen Anlass, genauer auf den Neuling zu schauen. Inzwischen interessiert sich nur noch die Staatsanwaltschaft für das Unternehmen, dass auch die erste Insolvenz in der Geschichte des DAX hinlegte. Anleger, die darauf vertraut hatten, dass der DAX eine Garantie für die Seriosität von Aktiengesellschaften ist, gingen zumeist mit Totalverlust aus dem Investment. Auch viele Anlageberater hatten auf die als gründlich geltende Börsenaufsicht vertraut und Wirecard empfohlen.

Ist die Reform ein Reförmchen?

„Die Reform des DAX soll vor allem das Wirecard-Desaster vergessen machen“, ist Konstantin Oldenburger, Marktanalyst beim Broker CMC Markets, im Interview mit procontra überzeugt. „Für Anleger bringt das keine großen Veränderungen“. Der erfahrene Analyst vermisst wie die meisten seiner Kollegen eine tiefgreifende Reform des Leitindexes, die aus seiner Sicht im internationalen Vergleich längst überfällig ist. Der Nikkei würde immerhin 250 Aktiengesellschaften berücksichtigen, der Leitindex von Standard&Poor‘s sogar 500. Der Deutsche DAX bildet selbst mit den zukünftig 40 Werten nur einen kleinen Teil der börsennotierten Unternehmen ab. Das lässt Andreas von Brevern, Sprecher Pre- und Post-Trading bei der Deutschen Börse so nicht gelten: „Deutschland hat eine völlig andere Börsenlandschaft als beispielsweise die USA. Am gesamten regulierten Markt gibt es etwa 450 Unternehmen. Der DAX hat die Aufgabe, die deutschen Bluechips abzubilden – und diese Aufgabe erfüllt er“.

Ist der DAX in Zukunft für Anleger noch sicherer?

Positive Änderung für Anleger: Die Bilanzen werden schärfer überprüft und für die vergangenen zwei Jahre  müssen positive Ergebnisse vorgewiesen werden, bevor der Aufstieg in den Börsenolymp starten kann. Was vor allem für die wenigen relevanten Startups im Land zu einem Problem werden dürfte. Chris-Oliver Schickentanz, der Chefanlagestratege der Commerzbank zu procontra: „Der Wert eines Dax-ETFs wird durch die Umstellung nicht tangiert. Denn die entsprechenden Indexregeln sorgen dafür, dass am Umstellungstag eine reibungslose Verkettung des „Alt-Dax“ mit dem „Neu-Dax“ vorgenommen wird. Aber: Die inhaltliche Zusammenstellung des ETFs ändert sich natürlich und spiegelt die höhere Zahl an enthaltenen Aktien wider. Dadurch sollte sich mittelfristig das Risiko leicht reduzieren.“

Haben ETF-Anleger stabile Alternativen zum DAX?

Insgesamt können Anleger mehr als 7.200 Indexfonds kaufen – Marktanalyst Oldenburger sieht vor allem Fonds auf den „STOXX Europe 600“ als gute Alternative zu DAX-ETFs. Mit 600 Unternehmen und einer Deckelung der Schwergewichte bei zehn Prozent ist die Berechnungsbasis hier deutlich größer als bei dem kleinen deutschen Index aus Frankfurt, der maßgeblich von – so Oldenburger – „seinem Zugpferd SAP bestimmt wird“. Oder zurzeit wegen der SAP-Schwäche nicht. Dasselbe gelte für den Einfluss des Konzernriesen Telekom, dessen Kurs sich seit langer Zeit kaum bewege.

Wird der MDAX für Anleger uninteressanter?

Der MDAX büßt durch die Neuaufstellung ein Drittel seiner Marktkapitalisierung ein und könnte stark an Bedeutung verlieren. „Damit droht eine 25-jährige Erfolgsgeschichte kaputt gemacht zu werden“, klagt Kay Bommer, Geschäftsführer des Deutschen Investor Relations Verbandes im Handelsblatt. Es gibt andere Meinungen: der MDAX sei dann wieder ein Index von möglichst gleichwertigen Nebentiteln ohne das „Klumpenrisiko“, bei dem ein Unternehmen einen ganzen Index nach unten ziehen kann. Achim Matzke, der Leiter Technische Analyse & Index Research im Bereich Firmenkunden der Commerzbank nimmt in procontra so Stellung: „Während der neue DAX 40 wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, sollte der neue MDAX 50 wahrscheinlich an Attraktivität bei internationalen Investoren verlieren. Denn die zehn größten Titel werden im September 2021 in den neuen DAX 40 wechseln. Hierbei handelt es sich im Regelfall auch um die liquideren Werte des gegenwärtigen MDAX.“

Am Konflikt zwischen ETF und gemangtem Fond ändert sich nichts

Ein Schönheitsfehler von ETFs bleibt natürlich auch bei den ETFs auf den zukünftigen DAX40 bestehen. Sie enthalten jeden Wert im Index. Selbst in effizienten Märkten sind nicht alle Indextitel begehrenswert: „Auch im Dax gibt es einige Aktien, die ein Anleger aufgrund der hohen Unsicherheit derzeit vielleicht nicht halten will, beispielsweise Banken. Ein ETF hat diese Papiere aber drin“, erläuterte Morningstar-Analystin Barbara Claus gegenüber procontra. Nur haben in der Vergangenheit aktiv gestaltete Fonds oft keine höheren Renditen erzielt als die passiv zum Index laufenden ETFs. Bei allen Börsenreformen und Reförmchen bleibt es bei der wichtigsten Börsenweisheit: Eine gute Mischung im Depot ist das Wichtigste.

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