Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

Kfz Versicherungen Berater von Rainer Kreuzer

Car-Sharing, neue Antriebstechniken, autonomes Fahren – wie wollen wir in Zukunft unterwegs sein? Welche Innovationen werden sich durchsetzen und hat der private Wagen ausgedient? Hierüber und über die Folgen für die Versicherer sprach procontra mit Dr. Robin Kiera.

Dr. Robin Kiera

Sieht noch keinen allgemeinen Trend zur Abkehr vom Pkw: Dr. Robin Kiera. Bild: Robin Kiera

procontra: Wie schätzen Sie die Zukunft der Mobilität in Deutschland ein? Wird das private Kraftfahrzeug weiterhin seinen Top-Rang behalten?

Dr. Robin Kiera: Mir scheint die Debatte um Mobilität manchmal ein Phänomen des gut situierten Bürgertums in Berlin-Kreuzberg oder der Hamburger Schanze zu sein, das mit dem Rad zur Arbeit fahren kann. Große Teile der arbeitenden Bevölkerung – gerade im ländlichen Raum – sind auf Autos als Fortbewegungsmittel angewiesen. Das kann man moralisch gut oder schlecht finden, es ändert aber nichts am Fakt. Analytisch sehe ich noch keinen übergeordneten Trend zur Abkehr vom privaten Pkw – wobei man auf Mikrotrends in Großstädten, dass sich bestimmte demografische Gruppen kein Auto mehr anschaffen, obwohl sie es finanziell könnten, schon achten sollte.

procontra: Welche Rollen werden künftig Carsharing, ÖPNV oder gar selbstfahrende Autos spielen?

Kiera: So gerne ich es mir vorstelle, meine heute dreijährige Tochter an ihrem 18. Geburtstag mit einem Auto zu überraschen: Ich befürchte dass das so nicht stattfinden wird, sondern, dass sie sich Free Now oder Uber unlimted wünschen wird oder gar eine Flatrate in einer Flotte selbstfahrender Fahrzeuge bekommt. Alle Konzepte, die große Erleichterungen und weniger Mühe und Stress bedeuten, werden sich durchsetzen – unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten. Daher sehe ich für alle drei Konzepte eine große Zukunft.

procontra: Wenn das private Fahrzeug künftig weniger Gewicht haben wird, steht die Versicherungsbranche möglicherweise vor einer Krise. Wie wird sich der Strukturwandel auf die Kfz-Versicherung auswirken?

Kiera: Die Assekuranz steht nur vor einer Krise, wenn sie nicht endlich lernt, den ständigen Wandel als Chance zu nutzen. Starre Hierarchien, unflexible Fünf-Jahres-Pläne und hermetisch abgeschirmte Vorstandsetagen oder realitätsferne Aufsichtsräte gehören ins Museum. Der Generationswechsel in den Vorstandsetagen hat begonnen, aber noch viel zu langsam und zu zaghaft. Wir brauchen Entscheider, die Trends und Veränderungen erkennen, bevor die Erschütterungen auch den letzten Winkel der Industrie erreicht haben und schon früh – auch harte und unpopuläre – Maßnahmen ergreifen.
Wer so agiert, kann den Wandel als Chance nutzen. Warum geben wir uns als Industrie mit wenigen Prozentpunkten Wachstum zufrieden? Warum erweitern wir nicht unsere Wertschöpfungsketten, etwa im Bereich autonomen Fahrens? Dann wird aus einer Krise eine Wachstumsstory.

procontra: Was empfehlen Sie den Versicherungen, wie sie sich jetzt fit für die Zukunft machen könnten?

Kiera: Haupttreiber in einer Versicherung sind die Entscheider. Daher müssen Spitzenposten mit mutigen Spitzenkräften besetzt werden, die Antworten für die aktuellen Herausforderungen haben oder diese mit Hilfe schlagkräftiger Teams finden. Solche Entscheider können die zukunftsfähigen Kräfte in ihren Häusern stärken und die Neinsager und Verhinderer eliminieren, bevor sie das ganze Haus in den Abgrund reißen. Denn in Zeiten radikalen Wandels ist nichts risikoreicher als das zu tun "was wir schon immer getan haben."

Hier vier Schritte:

  • Vorstand: Besetzen Sie Vorstandspositionen mit einer neuen Generation von Digital Natives mit einem Track-Record erfolgreicher Transformationscases – auch und gerade von außerhalb der Industrie. Es bringt nichts, digitale Grüßonkel auf die Gehaltsliste zu setzen und Digitalisierung abzuhaken. Echter Wandel kommt von oben und kann nur von Leuten getrieben werden, die Entscheidungsbefugnisse, Budget und Personal verantworten.
  • Berater: Beenden Sie jeden Beratervertrag mit Firmen, die länger als fünf Jahre für Sie arbeiten. Sie haben Sie in den Schlamassel gebracht. Feuern sie diese dafür. Holen Sie neue Leute mit Praxiserfahrung an Board.
  • Marketing: Bauen Sie Ihr Unternehmen in eine Medienanstalt um, die relevante Inhalte für ihre Zielgruppen nach modernen Prinzipien produziert. Wenn ihr Marketingchef noch immer auf ARD oder ZDF TV Werbung schaltet, schmeißen Sie ihn raus. Die Begründung: Wir haben 2020 und nicht mehr 1995.
  • Vertrieb: Bauen Sie Ihre Vertriebsorganisation um. In 2020 sollte kein Vertriebsmitarbeiter mehr morgens in sein Auto steigen und AOler oder Makler zum Kaffeetrinken besuchen. Vertriebler müssen in Zukunft für Endkunden oder für Vermittler relevante Videos, Texte und Bildinhalte erstellen und ihnen auf den Kanälen schicken, die tatäschlich geschaut werden. So können Vertriebsmanager bei Vertriebspartnern und Vermittler bei Endkunden ihre Touchpoints deutlich erhöhen – bei gleichen oder geringeren Kosten.

Zum Gesprächspartner: Dr. Robin Kiera, EX-Vermittler und Versicherungsexperte. Nach mehreren Managementpositionen im Versicherungs- und Bankwesen leitet er nun Digitalscouting.

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