Sollten Krankenversicherungen für Homöopathie-Behandlungen aufkommen?

Anne Hünninghaus Versicherungen Top News

procontra: Das Streitthema Impfen nimmt in diesem Jahr wieder Fahrt auf. Einzelne Krankenversicherer bieten bereits Apps an, in denen Kunden ihre Impfdaten eintragen und die Abrechnungen der Ärzte aus den vergangenen vier Jahren einsehen können. Auch eine Erinnerung für anstehende Impfungen ist inbegriffen. Wen sehen Sie in der Pflicht, wenn es um bessere Aufklärarbeit geht?

Frenkel: Zunächst sind das vor allem  die  Ärzte, Gesundheitsämter bei den Schuleingangsuntersuchungen beispielsweise und die Politik. Aber es ist sicher begrüßenswert, wenn auch Krankenversicherungen sich positionieren und über evidenzbasierte Methoden informieren. Die DAK hat neulich eine Aufklärungsbroschüre dazu veröffentlicht, woran man im Falle von Krebs-Behandlungen Scharlatane erkennt, ein Punkt auf der Liste waren Negativäußerungen über die Schulmedizin. Aber auch regelmäßige Erinnerungen, Impfungen aufzufrischen, mehr Transparenz dazu welche Heilansätze wirksam sind – valide Information also, ist am Ende vermutlich effektiver als das neue Masernschutzgesetz, das die Gesellschaft am Ende noch stärker polarisiert.

procontra: Oft werden von Kritikern Begrifflichkeiten durcheinandergebracht, wenn es die um Naturheilkunde, ganzheitliche Ansätze und andere alternativmedizinische Methoden geht. Die  bei Krankenkassen am häufigsten nachgefragten alternativen Heilmethoden sind neben Homöopathie Osteopathie und Traditionelle Chinesische Medizin. Muss man hier stärker differenzieren?

Frenkel: Nicht nur auf Seiten der Patienten, sondern auch bei den Anbietern gibt es oft einen bunten Mix aus seriösen und unseriösen Methoden, das erschwert es festzustellen, ob jemand ein Scharlatan ist oder nicht. Fakt ist: Osteopathie, TCM und Homöopathie sind völlig unterschiedliche Behandlungsansätze. Osteopathen durchlaufen eine mehrjährige Ausbildung. Das Problem besteht oftmals in der mangelnden Kontrolle, wenn beispielsweise Heilpraktiker alternative Heilmethoden anbieten, die sie nicht wirklich beherrschen oder falsche Heilversprechen geben.

procontra: Die Corona-Situation hat dazu geführt, dass wir in diesem Jahr alle sehr viel intensiver über Gesundheitsthemen diskutieren. Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Alternativmedizin-Debatte?

Frenkel: Ja, dieses Jahr zeigt noch einmal sehr deutlich wie tief die Gräben zwischen den Lagern Schul- versus Alternativmedizin sind. Und auch das Misstrauen gegenüber unserem Gesundheitssystem tritt auf eine Weise zutage, die wir vorher nicht kannten: die zunehmende Skepsis gegenüber der evidenzbasierten Medizin und Wissenschaft, der lautstarke Protest der Impfgegner beispielsweise. Wir leben einer Zeit, in der man viele Möglichkeiten hat, sich gegen einst oft tödlich verlaufende Krankheiten wie Diphterie oder Kinderlähmung zu schützen. Dadurch, dass deren Gefahr aber aus dem Bewusstsein verschwindet, wird die Möglichkeit, seine Kinder davor zu schützen, von vielen eben nicht mehr als eine Errungenschaft gesehen. Sie lehnen Impfungen kategorisch ab, da sie diese für überflüssig oder sogar schädlich halten. Durch das Erleben einer unmittelbaren Bedrohung, wie im Fall von Covid19, wäre eigentlich zu erwarten, dass es hier ein Umdenken gibt, weil Menschen wieder ein Bedürfnis nach Schutz empfinden. Die Demonstrationen der Corona-Leugner und die kruden Verschwörungstheorien, die dazu durch die sozialen Medien geistern, geben allerdings wenig Anlass zur Hoffnung.

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Streitthema Impfen: Wie beeinflusst Corona die Debatte?