Sollten Krankenversicherungen für Homöopathie-Behandlungen aufkommen?

Anne Hünninghaus Versicherungen Top News

Viele Krankenkassen bieten die Erstattung alternativmedizinischer Behandlungen an, die Nachfrage nach Homöopathie und Co. wächst rasant. Journalistin Beate Frenkel hat sich mit dem lukrativen Geschäft und den Methoden der Branche beschäftigt und schildert im Interview, welche Gefahren lauern.

Journalistin Beate Frenkel

Journalistin Beate Frenkel im Interview über den boomenden Markt der Alternativmedizin und die Rolle der Krankenkassen. Bild: Torsten Lapp

Die Corona-Pandemie hat das Thema Gesundheit und Vorsorge in diesem Jahr in den Fokus gerückt wie selten zuvor. Doch deutschlandweit sind die Gräben zwischen Schulmedizin und Verfechtern alternativer Methoden tief. In ihrem neuen Buch „Pillen, Heiler, Globuli. Das Geschäft mit der Alternativmedizin“ beschäftigt sich die Frontal 21-Redakteurin Beate Frenkel mit dem boomenden Markt von Homöopathie und Co. procontra hat sie zur Rolle der Krankenversicherungen in dieser Debatte befragt.

Zwar gehört Homöopathie nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung, ein Großteil der Kassen erstattet Versicherten aber die Behandlungskosten für die stark nachgefragten Arzneimittel.

procontra: Frau Frenkel, ab dem kommenden Jahr dürfen in Frankreich die Kosten für homöopathische Mittel von den Krankenversicherungen nicht mehr erstattet werden. Halten Sie das für eine gute Entscheidung?

Beate Frenkel: Ja, auch in Großbritannien sind die Regeln vor einem Jahr verschärft worden. Dort sind Ärzte sogar schon länger angewiesen, keine Globuli zu verschreiben. Ich finde das absolut nachvollziehbar. Warum sollten Krankenkassen eine Behandlung bezahlen, deren Nutzen wissenschaftlich nicht erwiesen ist? In Deutschland haben wir allerdings ein besonders enges Verhältnis zur Homöopathie.

procontra: „Wer heilt hat Recht“, heißt es in diesem Kontext oft – zuweilen mit Verweis auf den Placebo-Effekt.

Frenkel: Das Problem daran ist: Wenn Krankenversicherungen etwas als Heilmethode anerkennen und finanzieren, dann impliziert das, „es wird schon helfen“. Diese Gewissheit gräbt sich in die Köpfe ein und macht Menschen offener für irrationales Denken, was in gefährliche Richtungen führen kann. Indem Patienten möglicherweise denken: „Wenn mein Homöopath von der Krankenkasse anerkannt wird, traue ich ihm“ – auch wenn er dann beispielsweise von einer absolut notwendigen Krebsbehandlung abrät.

procontra: Das heißt, Krankenversicherer verleihen teils unseriösen Anbietern eine Legitimation?

Frenkel: Absolut, das war mein Eindruck bei den Recherchen für mein aktuelles Buch. Das spricht niemand so aus, aber die Akzeptanz der Versicherer ist ein Pfund mit dem solche Ärzte und Heilpraktiker wuchern können.

procontra: In Deutschland flammte die Diskussion um Erstattungen vor einem Jahr erneut auf, SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte einen ähnlichen Beschluss wie in Frankreich. CDU-Politikerin Karin Maag sagte damals sinngemäß: Wem nicht passt, dass sein Anbieter für solche Leistungen aufkommt, der soll die Kasse wechseln. Allerdings bietet inzwischen ein Großteil der GKV solche Leitungen an. Ist das Argument dennoch schlüssig?

Frenkel: Das Argument geht am eigentlichen Streitpunkt vorbei. Es wird mit zweierlei Maß gemessen: Einerseits haben wir strikte Auflagen für die Zulassung von Medikamenten, ihre Wirksamkeit muss in Studien belegt werden. Bei Homöopathie wird ein solcher Wirkungsnachweis allerdings nicht gefordert. Die Mittel stehen ja auch nicht im Leistungskatalog, sondern werden zusätzlich angeboten. Alternativmedizin-Kritiker führen oft das Argument an, dass das Geld, das für solche Präparate erstattet wird, dann an anderer Stelle fehlt. Das stimmt, die gesetzlichen Kassen zahlten bei Arznei-Ausgaben von rund 40 Milliarden Euro im Jahr etwa 20 Millionen für Homöopathie. Darüber hinaus erwirtschaftet der Esoterikmarkt rund um Globuli und andere alternative Mittel rund 20 Milliarden Euro im Jahr. Noch entscheidender ist aber: Da wird etwas finanziert, das im schlimmsten Fall schaden kann.

procontra: Inwiefern?

Frenkel: Auch wenn viele Präparate wirkungslos, aber zumindest harmlos sind: Dahinter stecken oft falsche Heilversprechen, die Menschen Hoffnungen machen. Nehmen Schwerkranke oder Kinder keine wirkungsvollen Medikamente ein, da ihnen – beziehungsweise den Eltern – von der Schulmedizin abgeraten wurde, ist das gefährlich. Außerdem fehlt die klare Abgrenzung: Wenn Kassen Methoden adeln, die keinen erwiesenen Nutzen bringen, öffnen sie die Tür für all diejenigen, die mit fragwürdigen Behandlungen Geschäfte machen.

procontra: Viele Krankenversicherungen agieren pragmatisch: Alternativmedizinische Leistungen werden nachgefragt und damit von vielen angeboten. Die Entscheidung, Homöopathie weiterhin zu erstatten, begründet die Barmer beispielsweise so: „Wir leben in einer zunehmend pluralen und selbstbestimmten Gesellschaft, in der die Vorstellungen von Gesundheit, Gesunderhaltung und Therapie nicht einheitlich gestaltet und vorgegeben werden sollten.“

Frenkel: Aus Sicht der Kassen ist ein solches Angebot ein logischer Schritt, um Kunden anzulocken und zu binden. Ich halte es dennoch für problematisch. Leistungen, für die die Solidargemeinschaft aufkommt, sollten nachweislich wirksam sein. Deshalb fordern Kritiker eine klare Grenze, die auch Wohlfühlpräparate mit Placeboeffekt ausschließt. Wenn wir einerseits als Gesellschaft den Konsens vertreten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu handeln – beispielsweise beim Thema Klimawandel – ist es nicht nachvollziehbar, das in Bezug auf Heilmethoden nicht zu tun.

procontra: Oft ist gerade in bildungsbürgerlichen Haushalten eine generelle Skepsis gegenüber Impfungen und der Schulmedizin zu beobachten. Ist das ein Widerspruch?

Frenkel: Diese Menschen sind teils überinformiert und ziehen jede Empfehlung in Zweifel, die Politik und Mediziner geben. Auf der Suche nach der besten und vermeintlich sanftesten Methode werden viele ab einem gewissen Punkt empfänglich für Falschinformationen, landen in Filterblasen und Online-Netzwerken, die ihre Skepsis bestätigen und Alternativen anbieten. Das Vertrauen in unser Gesundheitssystem ist bei vielen erschüttert.

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