Ökoworld-Gründer Platow: „Der Begriff ,Nachhaltigkeit‘ ist zur Worthülse verkommen“

Stefan Terliesner Investmentfonds Berater Top News

Alfred Platow, Gründer von Ökoworld, spricht nur selten von Nachhaltigkeit. Der Pionier der ökologisch-ethischen Geldanlage nennt die Gründe für seine Haltung und erklärt, warum seine Fonds vergleichsweise teuer sind und längst nicht jeder Anteile kaufen darf.

Ökoworld-Gründer Alfred Platow

"Wir sind der Bioladen der Fondsbranche", sagt Ökoworld-Gründer Alfred Platow. Bild: Andreas Endermann

procontra: Herr Platow, wie haben sich die fünf Ökoworld-Fonds in der Corona-Krise bisher entwickelt?

Alfred Platow: Die Anleger schenken unserem ethischen, ökologischen und sozialen Ansatz noch mehr Vertrauen. Das vermitteln sie unseren 54 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Gesprächen. Und es ist ablesbar am Anstieg der Käufe von Fondanteilen. Vom 20. Februar bis 30. Juni wurden 60 Prozent mehr Anteile verkauft als in der entsprechenden Periode des Vorjahres. Für Schwung sorgte zuvor bereits die Bewegung Fridays for Future. Die Sensibilisierung für das Menschsein sowie für eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft führen in logischer Konsequenz dazu, sich mit der Ökoworld zu beschäftigen. Mittlerweile verwalten wir gut zwei Milliarden Euro.

procontra: Kann sich auch die Wertentwicklung der Fonds sehen lassen?

Platow: Unser größter Fonds, der Ökoworld Ökovision, kommt in diesem Jahr zum Stichtag 10. September auf eine positive Performance von 3,5 Prozent – trotz des zwischenzeitlichen Einbruchs an den Börsen. Das ist deutlich besser als viele vergleichbare Konkurrenzprodukte. Der MSCI World Index notiert genau auf dem Niveau zu Beginn des Jahres; wie unser Generationenfonds Ökoworld Rock ’n’ Roll. Der Ökoworld Growing Markets schaffte bis zum 10. September ein Plus von 7,6 Prozent und der Ökoworld Klima sogar von 20,1 Prozent. Nur der Ökoworld Water for Life liegt bisher 6,3 Prozent im Minus. Nicht nur wegen Corona hinterfragen Menschen ihre Geldanlage. Sie möchten wissen, was mit den Moneten passiert, die investiert werden. Deshalb überzeugen alle Ökoworld-Fonds auch langfristig.

procontra: Welchen Investmentansatz verfolgt Ökoworld?

Platow: Unsere Fondsmanager setzen auf Stockpicking. Dabei interessiert vor allem die tatsächliche Nachrichtenlage der Unternehmen, nicht so sehr die globale Wirtschaftslage. Besonders bedeutsam sind die finanzielle Stabilität und die Wachstumsperspektive der Unternehmen. Infrage kommen nur zukunftsfähige Geschäftsmodelle und Produkte, die sich in den nächsten 50 Jahren erfolgreich entwickeln und das Leben der Menschen erleichtern, verbessern und mit Genuss ausstatten.

procontra: Wie setzen Sie das in der Praxis um?

Platow: Wir verlassen uns nie auf das Urteil externer Rating- oder Analyseagenturen, sondern machen uns selbst ein Bild von den Unternehmen. Unsere hauseigenen Analystinnen und Analysten aus dem Sustainability Research sprechen vor Ort mit Entscheidern und Arbeitnehmern. Und ich sagen Ihnen: Wenn unsere Spezialisten Verstöße gegen unseren Kriterienkatalog feststellen, hat sich ein Investment sofort erledigt. Die Berichte gehen dann für den Fonds Ökovision an unseren elfköpfigen Anlageausschuss, der entscheidet, welche Unternehmen in den Koffer der zugelassenen Aktien aufgenommen werden, die unsere Fondsmanager dann kaufen dürfen.

procontra: Wer sitzt darin und welchen Einfluss hat der Ökovision-Ausschuss?

Platow: Das unabhängige Expertengremium, in dem unter anderem Umweltingenieure und Biologen sitzen, überprüft die seitens Sustainability Research und Fondsmanagement vorgeschlagenen Unternehmen und wählt die Titel für das Anlageuniversum aus. Lehnt der Ausschuss nach dem Mehrheitsprinzip ein Anlageziel ab, dürfen die Fondsmanager nicht in diese Aktie investieren. Alle drei Jahre werden die jeweiligen Unternehmen auf Themenfelder überprüft, die tabu sind: Atomenergie, Erdöl, Rüstung, Zwangsarbeit, Chlorchemie und so weiter. Erlaubt sind grundsätzlich Gesundheit, Bildung, erneuerbare Energien, bewusste Ernährung, umweltfreundliche Mobilität, Wasserversorgung, Green Building sowie soziale Gerechtigkeit.

procontra: Nennen Sie bitte einige Beispiele aus dem Anlageuniversum der Ökoworld-Fonds.

Platow: Unsere Fonds investieren zu 90 Prozent in mittelständische Firmen. Deren Namen sind den meisten Menschen lange Zeit unbekannt. Das ändert sich dann irgendwann. Ein Beispiel ist Tomra. Die Leergutautomaten des Unternehmens stehen inzwischen in vielen Supermärkten. Tomra baut auch Recyclingcenter und Sortieranlagen. Wir waren einer der ersten Investoren beim Börsengang 1997 in Oslo. Mit dem Geld der Anleger konnte Tomra sein Geschäftsmodell hochfahren und zur Wiederverwertung von Metall, Glas, Kunststoff und Papier in vielen Ländern beitragen. Ich war auch beim Going Public des Naturkosmetikherstellers L’Occitane in Hongkong, da kannte die hier kaum einer. Analoges gilt für Shimano, einen Anbieter von Gangschaltungen für Fahrräder, Chipotle Mexican Grill, eine Schnellres­taurantkette, die für ihre Hamburger nur Fleisch von Tieren aus der Region und kontrollierter Herkunft verwendet und auch bevorzugt vegane und vegetarische Produkte anbietet, und zig andere Beteiligungen. In unserem Jahresbericht listen wir unsere Anlagen auf und beschreiben ausgewählte Investments ausführlich.

procontra: Ist der hohe Aufwand der Grund für die hohen Kosten der Fonds?

Platow: Tatsächlich sind wir die vielleicht teuerste Fondsgesellschaft der Welt. Das ist der Preis für unseren getrennten Investmentprozess und unsere Unabhängigkeit. Banken, Versicherungen und andere Dritte haben bei uns keinen Einfluss. Wir kaufen auch kein externes Research ein, geben also keine Verantwortung ab. Wir sind sozusagen der Bioladen der Fondsbranche, wo die Verkäuferin oder der Verkäufer noch weiß, auf welcher Weide das Rind glücklich war und ob die Kartoffel in gutem Bioboden gewachsen ist. Qualität hat ihren Preis. Aber was gelegentlich unter den Tisch fällt: Unsere Performance­zahlen sind bereits alle nach Kosten veröffentlicht.

Seite 1: Pro: "Unsere Anleger setzen auf Stockpicking"
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