Gewerbeversicherung: „Makler sollten datenbasierte Entscheidungen treffen“

Florian Burghardt Digital Berater

Wenn man Versicherungsmakler mit Schiffskapitänen vergleicht, dann wirken Data Analytics für sie wie ein GPS-Gerät. Das sagt Timm Weitzel, CIO & CFO von Thinksurance. Vermittler könnten damit beispielsweise die Angebote auf ihre Risikoausschreibungen besser filtern.

Um als Makler Data Analytics überhaupt nutzen zu können, braucht es auch den Mut, Insiderinformationen aus dem eigenen Unternehmen mit anderen auszutauschen, sagt Timm Weitzel, CIO & CFO des Softwareanbieters Thinksurance. Bild: Thinksurance

Um als Makler Data Analytics überhaupt nutzen zu können, braucht es auch den Mut, Insiderinformationen aus dem eigenen Unternehmen mit anderen auszutauschen, sagt Timm Weitzel, CIO & CFO des Softwareanbieters Thinksurance. Bild: Thinksurance

procontra: Bitte mit einfachen Worten: Was ist Data Analytics und was hat es mit Versicherungen zu tun?

Timm Weitzel: Man kann es sich ein bisschen so vorstellen: Ohne Data Analytics haben Unternehmen bisher auf Sicht navigiert. Umfangreiche Datenanalysen und -interpretationen erlauben es ihnen nun, genauer hinzuschauen und hinzuhören. Es kommen also auf einmal ein Fernrohr, ein Sonar, ein GPS-Gerät und viele weitere hilfreiche Geräte dazu. Die Funktion Data Analytics verschafft dem Unternehmen ein genaueres ebenso wie breiteres Bild des jeweiligen Untersuchungsgegenstands – ganz ähnlich wie die zuvor genannten Geräte einem Kapitän ein besseres Verständnis für die Umgebung des Schiffs ermöglichen.

Der Nutzen ist also nicht exklusiv für die Versicherungsbranche. Allerdings liegen dort noch besonders viele Potenziale, denn kaum ein Produkt ist im Grunde so digital und datengetrieben wie Versicherungen. Von der Risikoerfassung und der Tarifentwicklung bis hin zum Underwriting und der Prüfung des Schadensfalls – alles basiert auf einer Vielzahl von Datenpunkten. Analysiert und interpretiert man diese Datenpunkte, können Marktteilnehmer deutlich belastbarere Entscheidungen treffen. Analytics-Methoden und -Instrumente können Kundenverhalten, Marktsegmente und Wachstumspotenziale betrachten, Fehlentscheidungen vermeiden und neue Modelle entwickeln. Sie helfen dabei, Risiken rechtzeitig zu erkennen, Performance-Abweichungen zu deuten, neue Potenziale zu erschließen und Prozesse neu zu gestalten – und das sowohl auf Versicherer- als auch auf Vermittler-Seite.

procontra: Sie sprechen die Vermittler schon an: Wie können Makler Data Analytics nutzen, zum Beispiel in der Gewerbeversicherung?

Weitzel: Ganz allgemein kann man sagen, dass sich für Makler mit Data Analytics neue Möglichkeiten ergeben, Sachverhalte zu beschreiben (Descriptive Analytics), Entwicklungen vorherzusagen (Predictive Analytics) und abzuschätzen, wie sich verschiedene Vorgehensweisen auf ein Ergebnis auswirken werden (Prescriptive Analytics). Für den konkreten Fall eines Maklers sind vor diesem Hintergrund folgende Szenarien denkbar:

  • Descriptive Analytics ermöglichen zum Beispiel vielschichtige Auswertungen der eigenen Portfolien und damit die Kontrolle der eigenen Leistung. Sie geben zudem einen Überblick über die Marktverhältnisse. Fragen wie „Wie sieht mein Portfolio aus?“, „Welche Versicherungen habe ich verkauft?“ und „Wie stehe ich eigentlich aktuell da?“ können so beantwortet werden.

  • Die Nutzung von Predictive Analytics erlauben die Optimierung der Risikoerfassung und eine effiziente Vorauswahl der Gewerbeversicherer, etwa auf Basis der Erfolgswahrscheinlichkeit. Durch die Analyse des Verhaltens der Underwriter im Ausschreibungsprozess kann man so beispielsweise Aussagen darüber treffen, ob bestimmte Versicherer eine passende Gewerbeversicherung bieten oder ob sie, bevor sie ein Angebot machen werden, weitere Fragen haben. Und das noch bevor der Makler die Ausschreibung startet.

  • Und Prescriptive Analytics helfen dabei, einen gewünschten Zielzustand zu erreichen, wie etwa die Erhöhung der Rentabilität. Auf Basis der Daten können Vermittler genau diejenigen Maßnahmen definieren, die bestmöglich auf die Zielerreichung einzahlen.

procontra: Was müssen Makler konkret tun, um solche Verfahren nutzen zu können?

Weitzel: Der erste Schritt, um das Potenzial von Data Analytics zu heben, ist meiner Meinung nach Mut. Und zwar in zweierlei Hinsicht: erstens der Mut, etablierte Pfade zu verlassen und offen für unvorhergesehene Ergebnisse zu sein. Und zweitens der Mut, interne Silos zu überwinden und nicht nur Daten, sondern vor allem auch Ergebnisse und Insights auszutauschen und zu diskutieren. Zudem braucht es die Bereitschaft, datenbasierte Entscheidungen zu treffen. Erst dann kommen, meiner Meinung nach, Tools ins Spiel. Die meisten Tools, zum Beispiel auch unsere Beratungsplattform, arbeiten mit Dashboards, die relevante Erkenntnisse übersichtlich aufbereiten. Es braucht also weniger technische Fähigkeiten, sondern vielmehr ein Interesse dafür, die Analyseergebnisse in Interpretationen und Entscheidungen zu überführen.

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