Aktuare: „Corona hat den Niedrigzins auf Jahrzehnte einzementiert“

Florian Burghardt Versicherungen

Wer noch auf die Rückkehr des Zinsniveaus der 90er-Jahre wartet, den dürften die jüngsten Aussagen der DAV ernüchtern. Die Versicherungsmathematiker rechnen langfristig nicht mit einer Verbesserung. Helfen könne nur ein Schritt aus der Komfortzone.

Im Bild: Der DAV-Vorstandsvorsitzende Dr. Guido Bader.

Bei der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) geht man davon aus, dass das Niedrigzinsumfeld noch mehrere Jahrzehnte lang dauern wird. Im Bild: Der DAV-Vorstandsvorsitzende Dr. Guido Bader. Bild: DAV

Der Niedrigzins ist nicht einer von vielen Faktoren, mit denen die Versicherungsbranche umgehen muss. Vielmehr ist er ein sehr zentraler, der die Preis- und Produktentwicklung in allen Sparten mitbestimmt. Ob nun steigende Beiträge in der PKV oder die Tatsache, dass sich große Lebensversicherer wie die Allianz von der 100-prozentigen Beitragsgarantie abwenden – alles ist darauf zurückzuführen, dass sich die geforderten Zinserträge gepaart mit 100-prozentiger Sicherheit nicht mehr erfüllen lassen.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Dr. Guido Bader, sagte gestern auf einer Online-Veranstaltung seines Verbands: „Die coronabedingten massiven Anstiege der Staatsverschuldungen weltweit sowie die Ankaufprogramme der Zentralbanken haben die Zinsen, insbesondere in Europa und ganz speziell in Deutschland, auf Jahrzehnte auf extrem niedrigem Niveau einzementiert.“

Eine sehr deutliche Aussage, die man sich von Experten einerseits wünscht, die aber andererseits auch besorgt. Nicht wenige Menschen hierzulande dürften weiterhin darauf hoffen, dass das ihnen bekannte Zinsniveau – beispielsweise mit 3 bis 5 Prozent aufs Tagesgeld – mittelfristig zurückkommt. Doch auch hinsichtlich des weiteren Vorgehens gab sich Bader möglichst konkret: „Wir leben in einer Welt, in der der sichere Zinssatz auf unabsehbare Zeit negativ ist. Ohne die Bereitschaft zu einem etwas höheren Risiko in der Altersvorsorge wird es künftig kaum noch eine Chance auf einen realen Wertzuwachs geben.“

Beiträge fließen wieder wie gewohnt

Vor dem Hintergrund der Coronakrise gebe es aus der Lebensversicherung aber auch positive oder zumindest solche Entwicklungen zu vermelden, die weniger negativ ausgefallen sind als erwartet. So würden sich die Todesfallzahlen 2020 noch immer im normalen statistischen Schwankungsbereich bewegen, sagte Bader.

Außerdem war zu Beginn der Pandemie ein Mittelabfluss befürchtet worden, da viele Versicherte ihre Verträge hätten kündigen können, um in der Krise an Geld zu kommen. Dies sei aber ausgeblieben. Zwar hätten zahlreiche Kunden ihre Verträge für einige Monate beitragsfrei gestellt oder ihre Zahlungen gestundet. Aber inzwischen habe die Mehrheit ihre Zahlungen schon wieder aufgenommen. Laut den Versicherungsmathematikern der DAV hätten zu keiner Zeit Liquiditätsrisiken bei den Lebensversicherern bestanden.