Worauf kommt es bei der Auswahl des Pflegezusatztarifs an?

Anne Hünninghaus Berater Versicherungen

Große Ankündigung, geringe Effekte: Jens Spahns Pflegereformpläne sorgten zuletzt für Spott und rückten die private Vorsorge weiter in den Fokus. Doch nicht einmal 5 Prozent der Deutschen verfügen über eine Pflegezusatzversicherung. Wie sich das ändern lässt und welche Merkmale entscheidend sind, diskutierten am Donnerstag Experten.

Laut PKV-Verband sorgen derzeit nicht einmal 5 Prozent der Deutschen mit einer Pflegezusatzversicherung vor.

Laut PKV-Verband sorgen derzeit nicht einmal 5 Prozent der Deutschen mit einer Pflegezusatzversicherung vor. Bild: Adobe Stock/marcus_hofmann

Was am vergangenen Sonntag im Interview mit der Bild-Zeitung angekündigt wurde, lässt sich inzwischen schon auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums nachlesen: Jens Spahns „Pflegereförmchen“ steht in seinen Grundzügen. Der CDU-Minister will den Eigenanteil für stationäre Pflege bei 700 Euro monatlich deckeln und das für maximal 36 Monate. Zwar bliebe die Pflegeversicherung auch dann eine Teilkaskoversicherung, so das Zugeständnis des Ministers, doch werde der Eigenanteil dadurch berechenbar. Eine solche Kostenbremse hatten Krankenkassen im vergangenen Jahr gefordert. Allerdings bezieht sich die Deckelung nur auf den einrichtungseinheitlichen Eigenanteil für pflegebedingte Kosten der Pflegerade 2 bis 5, die im Bundesdurchschnitt ohnehin mit 786 Euro nicht allzu weit darüber liegen.

„Jens Spahn fokussiert sich leider nur auf den Anteil, der nur einen Bruchteil der Gesamtsumme ausmacht“, kritisierte Constantin Papaspyratos, Chefökonom beim Bund der Versicherten in einem am Donnerstag vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) organisiertem Expertengespräch. Die Pflegelücke geht derweil weit über die 700 Euro hinaus: „Es geht monatlich eher um einen Betrag in der Größenordnung von 2.000 Euro, die der Einzelne decken können muss – sonst bekommen die Angehörigen Schwierigkeiten.“ Zum Hintergrund: Der gesamte Eigenanteil, den pflegebedürftige Menschen bei einer Vollzeitunterbringung im Heim aufbringen müssen, beträgt laut dem Verband der Ersatzkassen durchschnittlich 2.015 Euro monatlich. Neben den Kosten für die reine Pflegeleistung sind darin Unterkunft und Verpflegung sowie die regelmäßig anfallenden Investitionskosten der Einrichtung enthalten. In diesem Betrag sind die Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung beziehungsweise für privat Versicherte aus der privaten Pflegepflichtversicherung schon abgezogen. Im Durchschnitt müssten die Pflegebedürftigen und ihre Familien nach Spahns Reform also immer noch 1.929 Euro monatlich aufbringen.

Wie bewegt man die Menschen zur Pflegevorsorge?

Auch Papaspyratos‘ Gesprächspartner Gerhard Reichl, Fachkoordinator Krankenversicherung bei Assekurata, sieht in der vollmundigen Reform-Ankündigung des BMG die Gefahr, dass eine falsche Erwartungshaltung geweckt werde. Schon heute sei jeder zweite über 85-jährige Deutsche pflegebedürftig, aufgrund der demografischen Entwicklung spitze sich die Lage weiter zu. „Wer im Alter nicht zum Sozialfall werden möchte und darauf bedacht ist, auch seinen Lebenspartner vor finanziellen Belastungen zu schützen, für den ist Pflegevorsorge Pflicht.“

Aber wie lässt sich der Einzelne zum Handeln bewegen? Zu oft würden auch vonseiten der Versicherungsvermittler BU und Altersabsicherung gegenüber der Pflegezusatzversicherung priorisiert, monierte Reichl. Dabei sei diese ein entscheidender Teil der Altersvorsorge, und sollte von Vermittlern unbedingt angesprochen werden.

Laut PKV-Verband sorgen derzeit nicht einmal 5 Prozent der Deutschen mit einer Pflegezusatzversicherung vor. Papaspyratos sieht ein Bündel von Ursachen für die geringe Verbreitung verantwortlich. Das Problem liege neben der Beratungsintensität und -komplexität auch in mangelnder vorausschauender Planung des Verbrauchers. „Zahnzusatzversicherungen werden beispielsweise deshalb so gut verkauft, weil hier die Aussicht darauf besteht, mittelfristig eine Leistung zu bekommen, welche die Lebensqualität merklich verbessert. Bei der Pflegelücke betrachten vor allem die Jüngeren aber nur den Ist-Zustand, wie es in 30 Jahren aussieht, weiß niemand.“ Für Vermittler gilt es, die spätere Wahlfreiheit stärker hervorzuheben: Möchte man ein Pflegeheim in der Nähe von Freunden und Familie beziehen? Worauf legt man Wert bei der individuellen Ausgestaltung?

Das sind die Merkmale empfehlenswerter Tarife

Im Vergleich der beiden Grundtypen der Pflegekrankenversicherung zogen beide Experten die Pflegetagegeldversicherung der Pflegekostenversicherung für das Gros der Fälle vor. Erstere zahlt einen fest vereinbarten Betrag aus statt eines gewissen Prozentsatzes der tatsächlich entstandenen Kosten. Laut Reichl bestehe der größte Vorteil der Pflegetagegeldversicherung darin, dass sie via Dynamik inflationsbedingte Schwankungen ausgleiche und zudem weniger abhängig von der politischen Regulierung sei. Zudem würden pflegende Angehörige, die ihre Arbeitszeit reduzieren, Lohnkürzungen kompensiert bekommen. Für eine ungewisse Zukunft sei man mit ihr besser gerüstet. Beherrschbar machen könne man die Pflegelücke aber mit beiden Varianten.

Bei den Prämien gilt es laut den Experten darauf zu achten, dass eine Alterungsrückstellung kalkuliert ist und lebenslange Laufzeit besteht. In allen fünf Pflegegraden muss ambulante und stationäre Pflege inbegriffen sein und der Schutz weltweit gelten, für den Fall, dass der Alterswohnsitz ins Ausland verlegt wird. Zudem sollte es einen Inflationsausgleich auch noch in dem Zeitraum geben, wenn der Leistungsfall schon eingetreten ist. Auch auf Nachversicherungsgarantien für rückwirkende Leistungen sei zu achten.

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