ESG: Wann Anleger Überzeugung gegen Rendite tauschen

Anne Hünninghaus Berater Investmentfonds

Im internationalen Vergleich sind die Deutschen überdurchschnittlich stark darauf bedacht, in Fonds zu investieren, die ESG-Kriterien erfüllen. Zwei Bevölkerungsgruppen sind allerdings eher zu Kompromissen in puncto Nachhaltigkeit bereit, wenn sie an anderer Stelle bessere Renditechancen wittern.

Ist die Generation Greta bereit, zugunsten von ESG-Kriterien auf Renditechancen zu verzichten?

Ist die Generation Greta bereit, zugunsten von ESG-Kriterien auf Renditechancen zu verzichten? Bild: Adobe Stock/Nicola

Deutsche Anleger sind im internationalen Vergleich besonders stark darauf bedacht, ihr Geld in nachhaltige Fonds zu investieren. Das geht aus der Global Investor Study 2020 hervor, für die der britische Asset Manager Schroders im Sommer 23.000 Personen aus 32 verschiedenen Märkten befragt hat. Knapp 80 Prozent der Deutschen gaben an, ihr Geld nicht in Anlagen stecken zu wollen, die ihren persönlichen Überzeugungen zuwiderlaufen. International antworteten 77 Prozent entsprechend.

Die tatsächliche Zahl derer, die häufig in als nachhaltig deklarierte Anlagefonds investieren, liegt mit knapp der Hälfte der deutschen Anleger zwar deutlich darunter. Bemerkenswert ist allerdings die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren: 2018 waren es noch lediglich 39 Prozent unter den deutschen Investoren, die solche Faktoren berücksichtigten. In Gesamteuropa ist der Trend indes weniger weit fortgeschritten: 44 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sie Kapital in nachhaltigen Investmentfonds anlegen. Dieser Prozentsatz liegt deutlich unter dem von Anlegern in Nord- und Südamerika (52 Prozent) sowie Asien (49 Prozent).

Für die Hälfte der Befragten hierzulande sind ESG-Anlagemöglichkeiten in erster Linie – ganz altruistisch – aufgrund der angenommenden ökologischen Wirkung attraktiv. Höhere Renditen erhoffen sich indes 37 Prozent der Deutschen und auf gesellschaftliche Grundsätze verweisen 35 Prozent, die sich für Nachhaltigkeitsfonds entschieden haben. Eine entscheidende Voraussetzung, in einen Fondanbieter zu vertrauen: Die Nachhaltigkeitsmaßnahmen müssen transparent nachgewiesen werden. Neben der Eigenerklärung besitzt für ein Drittel der Befragten die Zertifizierung eines unabhängigen Drittanbieters Relevanz.

Millenials und Finanz-Experten sind besonders auf hohe Renditen fixiert

Allerdings gibt es der Studie zufolge zwei Gruppen, bei denen eine höhere Renditechance die ethische Grundeinstellung am Ende trumpft: So sind zum einen Angehörige der jungen Generation, die so genannten Millennials, eher bereit, bei ihren persönlichen Überzeugungen Kompromisse einzugehen, wenn sie dafür mit höheren Renditeaussichten entlohnt werden. So würde global jeder vierte Anleger im Alter zwischen 18 und 37 Jahren seine persönlichen Überzeugungen gegen höhere Renditen eintauschen. In Deutschland trifft dies allerdings nur auf 19 Prozent der Millennials zu.

Zum anderen sind Anleger, die sich selbst in Finanzfragen als Experte oder zumindest Fortgeschrittene klassifizieren, eher auf ein Renditenmaximum aus – auch wenn dies die Fondswahl zu Ungunsten nachhaltiger Anbieter beeinflusst. Allerdings besteht hier kein unbedingter Widerspruch: Weltweit 42 Prozent und in Deutschland 37 Prozent der Investoren halten es für wahrscheinlich, dass nachhaltige Kapitalanlagen zu höheren Renditen führen.

Beratungsbedarf wird bislang nicht ausreichend gedeckt

Bei der Aufklärung zu den Möglichkeiten und Renditechancen gibt es allerdings weiterhin großen Nachholbedarf: 46 Prozent der deutschen Anleger bemängeln, sie bekämen von ihren Finanzberatern nur auf ausdrücklichen Wunsch hin Informationen zum Thema. Eine Studie von Insa Consulere hatte erst kürzlich ergeben, dass nur sieben Prozent der Deutschen einen konkreten Ansprechpartner zum Thema nachhaltige Kapitalanlagen nennen können. Dem Großteil der Befragten ist eine solche kundige Kontaktperson – zum Beispiel bei der Hausbank oder bei dem Vertriebsunternehmen – demnach nicht bekannt.

Der Beratungsbedarf ist da – und angesichts der wachsenden Dominanz des Themas ESG liegt es eigentlich auf der Hand, dass Finanzberater bei ihren Kunden Interesse an einem nachhaltigen Investment automatisch abfragen. Ende 2019 betrug das nachhaltige Anlagevolumen laut dem Fachverband Forum Nachhaltige Geldanlagen 18,3 Milliarden Euro – eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr. Statt von einem Experten auf entsprechende Möglichkeiten hingewiesen zu werden, sind Anleger bislang gefordert, selbst zu aktiv werden. Keine optimale Situation, zumal ab September 2021 die EU die Berater beim Thema nachhaltige Investments mittels Präferenzabfrage in die Pflicht nehmen wird: Voraussichtlich ab diesem Zeitpunkt sind sie verpflichtet, zum Thema zu informieren und entsprechende Produkte anzubieten.

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