ESG-Ranking: Welche Versicherer agieren besonders nachhaltig?

Anne Hünninghaus Berater Versicherungen Top News

Ökologische und soziale Kriterien sind schon lange kein „Nice to have“ mehr. Insbesondere in puncto Anlagestrategie sollten Versicherungsgesellschaften dringend umsteuern. Wem das 2019 gelang und wie sich deutsche Unternehmen im europäischen Vergleich schlagen, zeigt eine aktuelle Analyse.

CSR-Berichte

Welche Versicherer legten 2019 besonders "saubere" CSR-Berichte vor? Bild: Adobe Stock/sewcream

„Es kommt nicht mehr gut an, wenn man mit einem SUV beim Kunden vorfährt“, fasst Dr. Carsten Zielke zum Ende seiner Präsentation des ESG-Rankings den vielleicht entscheidendsten Treiber zusammen: „Der gesellschaftliche Druck auf Versicherer, nachhaltiger zu agieren, wächst weiter“ – und das sei am Ende nicht weniger hoch zu bewerten als regulatorische Vorgaben in diesem Bereich. Dass Unternehmen auch in ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung stehen, ist in den vergangenen Jahren nicht nur zu Verbrauchern, sondern auch zu vielen Investoren durchgedrungen. Nachhaltigkeits-Ratings und -Labels sind daher gefragt wie nie - sind sie auch zuweilen mit Vorsicht zu genießen.

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt in der deutschen Versicherungsbranche an Relevanz. Im Vergleich zum Vorjahr verbesserten die untersuchten Unternehmen ihre Werte insgesamt im Durchschnitt leicht – obwohl das Beratungs- und Analysehaus Zielke die Anforderungen an Transparenz und Qualität der Maßnahmen teils erhöht hat.

Zum Hintergrund: Seit 2018 ist jedes börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten dazu verpflichtet, sein Engagement im Bereich Corporate Social Responsibility (CSR) in einem jährlichen Bericht offenzulegen. Zielke Research Consult hat für 2019 46 dieser CSR-Berichte deutscher Versicherer im Hinblick auf die Aspekte Soziales und Umwelt analysiert. Für den Bereich Governance liegt die Analyse der Berichte über die Solvabilität und Finanzlage (SFCR) zugrunde. Für jeden der drei Bereiche werden Punkte vergeben, aus denen sich die Gesamtwertung pro Unternehmen ergibt. Der schlechteste Wert liegt jeweils bei -4 Punkten, der Bestwert – bedingt durch Sonder- und Teilpunkte – bei der krummen Zahl +4,62.

Kurzfristige Projekte, fehlender Weitblick?

Die Kriterien für den Umwelt-Bereich leiten sich aus den folgenden Fragen ab: Wie hoch ist der Ökostromanteil des Betriebs? Gibt es ein ESG-Board oder einen entsprechenden Zuständigen? Wie hoch ist der CO2-Ausstoß pro Mitarbeiter? Liegen konkrete Maßnahmen vor, um diesen zu reduzieren? Und – besonders aussagekräftig: Inwiefern berücksichtigt die Kapitalanlagenpolitik ESG-Kriterien? Trotz insgesamt deutlicher Verbesserung des letztgenannten Werts (Versicherer insgesamt: von 0,15 auf 0,33), gibt es laut Zielke noch viel Luft nach oben, was die konkrete Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kriterien in die Kapitalanlagenpolitik betrifft. „Nur ein Drittel der Versicherer gab an, dies zu tun. Viele fokussieren sich zu sehr auf leicht umsetzbare, kurzfristige Projekte, statt dieses entscheidende Thema anzugehen.“

Für den Bereich Soziales wurde unter anderem der Frauenanteil im Management untersucht, außerdem das Engagement in sozialen Initiativen. Zudem relevant: Gibt es im Unternehmen Angebote zur Kinderbetreuung oder zur sportlichen Förderung von Mitarbeitern? Welche Maßnahmen werden zur Inklusion von körperlich beeinträchtigten Menschen getroffen? Die bislang von vielen stark vernachlässigte Inklusion hat sich im Schnitt verbessert. Was die Zahl der Frauen in Führungspositionen betrifft, ist indes ein Rückgang seit 2018 zu verzeichnen (von 0,22 auf 0,18). Hier hatten sich aber auch die Transparenzansprüche erhöht.

Die Gewinner und Verlierer des ESG-Rankings

Sieger des Gesamtrankings sind:

1. Gothaer (2,2)

2. Helvetia, SV SparkassenVersicherung, Allianz Group (jeweils 2,0)

3. Munich Re (1,8)

Es werde viele überraschen, dass die Allianz nicht wie 2018 den ersten Platz belegt, kommentierte Zielke das Ergebnis. Deutschlands größter Versicherer hat seinen Vorjahreswert von 3,0 nicht halten können – trotz Maximalpunktzahl bei der Transparenz der Anlagepolitik. Stattdessen gelang es der Gothaer „mit besserer Berichterstattung und überzeugenden Maßnahmen“, sich innerhalb eines Jahres um 3,2 Punkte zu verbessern und den Spitzenrang zu erklimmen, insbesondere dank Maßnahmen im Bereich „Social“. Allianz, Debeka, Gothaer, Helvetia, RheinLand und SparkassenVersicherung gehören allerdings auch zu den Sponsoren der Zielke-Studie und wurden im Vorfeld gecoacht.

Im Gesamtvergleich der CSR-Berichte am schlechtesten schneiden die Basler, der Continentale Versicherungsbund (jeweils -3,0) und die VHV Gruppe (-2,3) ab. Die Stuttgarter Lebensversicherung verschlechterte sich im Vergleich zum Vorjahr von -1,3 auf -2,0.

Erstmals: Die deutschen Versicherer im europäischen Vergleich

Zum ersten Mal bezog Zielke für einen Vergleich auch einige große Versicherer aus dem europäischen Ausland in die Analyse ein. Insbesondere im Bereich Environment seien sie den deutschen Gesellschaften voraus, so ein erster Schluss. Vor allem die französische Gruppe CNP könnte als Vorbild dienen. Was soziale Bemühungen anbelangt – vor allem den Teilaspekt Kinderbetreuung – seien deutsche Anbieter wie Allianz, Munich Re und Co. aber überdurchschnittlich gut aufgestellt.

ESG-Kriterien sind schon lange kein „Nice to have“ mehr. Insbesondere, was die Anlagestrategie betrifft, ist ein rasches Umsteuern dringend geboten. Auch darauf wies Zielke hin: „Die IDD sieht vor, dass Versicherungen und Vermittler ihre Kunden ab März fragen müssen, ob er auf nachhaltige Produkte wert legt. Bejaht er, dürfen nur entsprechende Produkte angeboten werden.“ Verwehrt beispielsweise ein Mittelständler Angaben zu Lieferketten und CSR-Bemühungen, darf die Versicherung nicht mehr in ihn investieren. Das kann auch international Zündstoff geben: „Wenn sich amerikanische Unternehmen beispielsweise nicht an Transparenzpflichten halten, werden sie ausgeklammert“, so Zielke. Dies sei nicht als europäischer Protektionismus zu werten, sondern als legitime Bemühung, den Planeten grüner zu machen.

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