Bundeskartellamt: Allianz darf führenden Kfz-Schadenregulierer übernehmen

Anne Hünninghaus Digital Versicherungen

Nun ist es offiziell: Der größte deutsche Versicherer kauft mit ControlExpert den bedeutendsten digitalen Schadenabwickler am Markt. Es sei weiterhin für ausreichenden Wettbewerb gesorgt, entschied das Kartellamt.

Das Kartellamt hat die Merhheitsbeteiligung der Allianz am Kfz-Schadensregulierer Control Expert durchgewunken.

Das Kartellamt hat die Mehrheitsbeteiligung der Allianz am Kfz-Schadensregulierer Control Expert durchgewunken. Bild: Allianz

Zu Beginn des ersten Quartals, kurz bevor der Corona-Shutdown die Branche und das ganze Land lähmte, hatte die Allianz einen bedeutenden Deal vereinbart. „Wir freuen uns darauf, künstliche Intelligenz einzusetzen“, ließ sich Jochen Haug, Schadenvorstand bei der Allianz Versicherungs-AG, Mitte März zur Übernahme des größten deutschen Schadensregulierers ControlExpert zitieren. Das Unternehmen, das für den Kfz-Bereich Digitalplattformen und automatisierte Abläufe anbietet, ist in der Branche kein Niemand: Es verfügt über 17 Standorte und kooperiert mit mehr als 130 Versicherern, darüber hinaus mit Autoherstellern und -häusern, Werkstätten sowie Leasinggesellschaften. In einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung beschäftigt es mehr als 30 Data Scientists.

Zuletzt beteuerte das 2002 gegründete Unternehmen, das mit 90 Prozent der deutschen Kfz-Versicherer kooperiert, seine Leistungen auch nach einer Mehrheitsbeteiligung der Allianz dem gesamten Versicherungsmarkt zur Verfügung zu stellen. Doch zunächst galt es, Gewissheit zu erlangen, dass der Kauf auch tatsächlich vonstattengehen durfte. Im Mai hatte das Bundeskartellamt das Prüfverfahren nach Paragraf 40, Absatz 1, Satz 1 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen eingeleitet. Seit dem 20. Oktober ist der Erwerb der Holdinggruppe nun offiziell freigegeben.

So begründet das Kartellamt seine Entscheidung

Durch den Zusammenschluss der Allianz, die zur deutschen Spitzengruppe der Kfz-Versicherer gehört, und des mit Abstand führenden Dienstleisters für diesen Bereich kommt es laut Bundeskartellamt nicht zu direkten Marktanteilsadditionen. „Dennoch mussten wir angesichts der starken Marktstellung von ControlExpert sorgfältig prüfen, ob dessen Dienstleistungsangebot durch den Einstieg der ressourcenstarken Allianz für andere Kfz-Versicherer unverzichtbar wird und damit wesentliche Kundenverluste der Wettbewerber von ControlExpert zu befürchten sind“, so Kartellamtspräsident Andreas Mundt.

Nahezu alle deutschen Kfz-Versicherungsunternehmen bearbeiteten ihre Schadensfälle inzwischen mit Unterstützung externer Dienstleister, um die Bearbeitung von Schadenfällen zu beschleunigen. Bislang steht dabei hauptsächlich die Überprüfung von Gutachten, Kostenvoranschlägen, Karosserie- und Glasrechnungen im Fokus. „Der Markt befindet sich allerdings in einer Umbruchphase hin zu einem umfassenden Komplettangebot, das bereits am Schadenseintritt ansetzt und die gesamte Abwicklung eines Schadens schnell und in hohem Maße automatisiert und digitalisiert“, gibt das Kartellamt zu bedenken.

Dies geschieht unter Einbeziehung von künstlicher Intelligenz, wie zum Beispiel fortgeschrittener Verfahren der Bilderkennung. Den Ermittlungen des Amts zufolge werden aber auch nach dem Einstieg der Allianz-Gruppe mehrere Wettbewerber in der Lage sein, entsprechende innovative Dienstleistungen anzubieten: „In diesem Marktumfeld ist auch zukünftig für ausreichend Wettbewerb gesorgt. Das Vorhaben konnten wir daher freigeben." Zudem gebe es „Hinweise auf zukünftige Marktzutritte“ in diesem Bereich.

Ohne Regulierungs-Kooperation läuft nichts mehr

Dass immer mehr Versicherer in der Schadenregulierung auf Kooperationen setzen, ist derweil wenig verwunderlich. Wie gut der Versicherung die Regulierung gelingt, gehört schließlich zu den wichtigsten Faktoren für die Kundenzufriedenheit. Dank moderner Technologien können Digitalanbieter besonders präzise, unkompliziert und vor allem zügig reagieren. Teils in Sekundenschnelle analysieren Algorithmen den vom Versicherten in eine Eingabemaske übertragenen Schaden, gleichen ihn mit der Police ab, um dann die Überweisung der Versicherungsleistung zu veranlassen. Weitere Potenziale bestehen in vereinfachten Prozessen und dem automatisierten Ausschluss diverser Betrugsszenarien. Auch dadurch lassen sich mit dem Einsatz digitaler Technologien im Schadensmanagement brutto 15 bis 19 Prozent der Kosten für die Begleichung von Schäden einsparen, wie die Unternehmensberatung Bain in einer Studie erhoben hat.

Die Kfz-Sparte eignet sich laut Maik Entrich, Projektleiter des Start-up Radars bei V.E.R.S. Leipzig, besonders gut für die Digitalregulierung, weil Schäden in diesem Bereich sehr homogen sind. Diese Anbieter sind dabei seiner Einschätzung nach neben Control Expert relevant:

  • ClaimBuddy: ist Anbieter einer digitalen Lösung zur Vereinfachung des gesamten Schadenmanagements. Hierfür stellt das Unternehmen eine webbasierte App zur Verfügung, die u. a. von Versicherungsunternehmen als White-Label-Produkt in die bestehende IT-Infrastruktur integriert werden kann.
  • Claimsforce: ermöglicht es einfach und effizient Prozesse des Schadensmanagements digital abzubilden und so die Kundenzufriedenheit zu steigern und gleichzeitig Schadenkosten zu optimieren
  • Spearhead: hat digitales Kfz-Schadenmanagement als White-Label-Produkt für Versicherungen entwickelt.
  • Snapsheet: Schadendienstleister, der eine virtuelle Schadentechnologie anbietet (USA)
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