Werden die Deutschen in der Krise zu Aktien-Enthusiasten?

Anne Hünninghaus Berater Investmentfonds

Ausgerechnet in der Corona-Krise haben die traditionell risikoscheuen deutschen Sparer den Kapitalmarkt für sich entdeckt. Laut einer aktuellen Studie wurde zeitweise jeder siebte Spar-Euro in Aktien gesteckt.

Die Corona-Krise hat offenbar viele Deutsche dazu bewogen, am Kapitalmarkt zu investieren.

Die Corona-Krise hat offenbar viele Deutsche dazu bewogen, am Kapitalmarkt zu investieren. Bild: Adobe Stock/Proxima Studio

Deutsche Sparer hat die Corona-Krise verhältnismäßig milde getroffen. Ein Grund dafür ist der hierzulande hohe Anteil an Bankeinlagen – inklusive Bargeld – von 41 Prozent. Zum Vergleich: In der Eurozone insgesamt beträgt dieser nur 35 Prozent. Der Anteil an Aktien, die stark mit dem Kapitalmarkt schwanken, ist hier indes mit zehn Prozent entsprechend geringer (Eurozone: 17 Prozent). Mit der Erholung der Kapitalmärkte und sehr hohen Neuanlagen stieg das Finanzvermögen mit Ende des ersten Halbjahrs 2020 in Deutschland bereits um schätzungsweise 3,4 Prozent oder 212 Milliarden Euro auf einen neuen Rekordwert von 6,55 Billionen Euro, wie eine Analyse der ING Diba ergeben hat.

Auch ändert Corona den Umgang der deutschen Sparer, die in der aktuellen Niedrigzinsphase zunehmend zu Anlegern am Kapitalmarkt werden. Laut der Studie nehmen sie vor allem das Angebot, mit kleinen Beträgen regelmäßig in Wertpapiere zu investieren, als sinnvolle Alternative zum Sparstrumpf an. Zudem ist eine verstärkte Hinwendung zu Investments in Edelmetalle zu beobachten.

Jeder siebte Euro geht in Aktieninvestments

Laut aktueller ING-Diba-Erhebungen haben deutsche Anleger im ersten Quartal fast 14 Milliarden Euro in Aktien investiert, das entspricht mehr als jedem siebten neu angelegten Euro. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum (6,8 Milliarden Euro). Mit dieser – eher antizyklisch anmutenden – Strategie stehen die Deutschen allein auf weiter Flur, im Rest der Eurozone gab es im Krisenverlauf zunehmende Zurückhaltung bei Aktieninvestments.

Kein Wunder: Die Corona-Krise hatte im Frühjahr vor allem dem Aktienmarkt einen gewaltigen Dämpfer verpasst. Die rasche Erholung ab dem zweiten Quartal dürfte den Anlegern nun aber in die Karten gespielt haben. Diese Wende ist umso bemerkenswerter, da die sicherheitsorientierten deutschen Sparer traditionell eher eine Aversion gegen Aktieninvestments hegen. 2019 verfügten laut dem Deutschen Aktieninstitut (DAI) hierzulande 9,65 Millionen Menschen als Direktanlage, über Aktien- oder Mischfonds Anteilscheine an Unternehmen, was einer Aktionärsquote von recht mageren 15,2 Prozent entspricht.

Beliebtheit von ETFs steigt weiter

Dass die Deutschen nun aber offenbar die Attraktivität des Kapitalmarkts erkannt haben, zeigt auch eine repräsentative Umfrage der Quirin Privatbank: Die meisten Befragten setzen aktuell auf die Anlageformen betriebliche Altersversorgung, Fonds, Aktien und – insbesondere – ETFs, deren Beliebtheit im Krisenverlauf weiter gewachsen ist. Weiter in der Anleger-Gunst gesunken sind indes Lebensversicherungen, Tagesgeld und klassisches Sparbuch. Auch Riesterrente und Festgeld sowie Bausparverträge nahmen größere Einbußen hin.

Generell lösst sich eine höhere Bereitschaft zum Sparen verzeichnen: Seit Ausbruch der Pandemie sparen die Menschen mehr und verwalten ihre Finanzen bedachter – zumindest schätzen sich die von Quirin Befragten selbst so ein. Auf einer Skala von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 6 (trifft voll zu) stieg der Durchschnittswert derer, die monatlich einen festen Betrag zurücklegen von 4,04 im November 2019 auf 4,31 im Juni 2020. Zwar ist die monatliche Sparrate gefallen, allerdings sind deutlich mehr Sparer hinzugekommen, die überhaupt Beträge auf die hohe Kante schaffen. Konsumverzicht scheint – zumindest für die Dauer der Krisenzeit – en vogue zu sein. Und angesichts der anhaltenden Null- bzw. Minuszinspolitik sehen viele Anleger offenbar kaum noch Alternativen zum Kapitalmarkt.

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