Verpflichtende Pflegezusatzversicherung für jeden Arbeitnehmer?

Martin Thaler Versicherungen Top News

Das Pflegesystem bedarf angesichts immer höherer Eigenanteile einer Reform. Der Wirtschaftsflügel der Union prescht nun mit einem Vorschlag vor, der sich an der Chemieindustrie orientiert.

Pflege

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion macht sich für eine verpflichtende Pflegezusatzversicherung für alle Arbeitnehmer stark. Bild: Pixabay/ adamtepl

Die ausufernden Pflegekosten werden für immer mehr Menschen zu einem finanziellen Problem. Mittlerweile müssen Pflegebedürftige im Durchschnitt einen Eigenanteil von über 2.000 Euro aufbringen, wie aus aktuellen Zahlen des Verbandes der Ersatzkassen deutlich wird – in einzelnen Bundesländern liegen die Kosten noch einmal deutlich höher.  

Experten haben in den vergangenen Monaten den Druck auf Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) deutlich erhöht – gefordert wird eine grundlegende Reform des Pflegesystems. Den Startschuss für die entsprechende Diskussion wollte Spahn im Herbst geben – nun prescht der Wirtschaftsflügel seiner eigenen Partei mit einem Vorschlag vor.  

„Die soziale marktwirtschaftliche Pflegeversicherung“ heißt ein Beschluss der Mittelstands- und Wirtschaftsunion zum Thema, in dem der Wirtschaftsverband der Union die Einführung einer betrieblichen, staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung fordert. Als Vorbild soll hierbei die Chemiebranche dienen. Hier haben die R+V, die Deutsche Familienversicherung und die Barmenia Krankenversicherung eine Branchenlösung namens „CareFlex Chemie“ geschaffen, die den rund 580.000 Beschäftigten der Chemie- und Pharmaindustrie von ihren Arbeitgebern finanziert wird.  

Verpflichtende Pflegezusatzversicherung

Allerdings mit einem Unterschied: Jeder Arbeitnehmer soll bis zum Renteneintrittsalter bei Aufnahme oder Wechsel einer Tätigkeit dazu verpflichtet werden, eine private Pflegezusatzversicherung abzuschließen. Zwar könne der Arbeitnehmer mittels einer „Opt-out-Lösung“ widersprechen – jedoch müssen dann bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit die Eigenanteile vollständig aus der eigenen Tasche gezahlt werden.  

Die Kosten für die Zusatzversicherungen können dabei vom Arbeitgeber bezuschusst, aber auch vollständig übernommen werden. Die Beitragshöhe soll sich dabei nach dem Alter bei Versicherungsabschluss richten – eine Gesundheitsprüfung soll nicht stattfinden, Familienangehörige sollen mitversichert werden können.   Wechselt der Arbeitnehmer seinen Job und nimmt eine neue Arbeit an, steht es ihm frei, die Zusatzversicherung individuell fortzuführen. Alternativ kann die Versicherung auch ruhend gestellt werden.   Auch eine staatliche Förderung sieht der Beschluss der Mittelstands- und Wirtschaftsunion vor – so sollen auf die Beiträge zur Zusatzversicherung weder Steuern noch Sozialbeiträge erhoben werden.  

Notwendig wird eine Reform auch durch die immer weiter steigende Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland. Waren Ende 1999 laut Statistischem Bundesamt etwa zwei Millionen Deutsche pflegebedürftig, wird bis 2045 mit einem Anstieg dieser Zahl auf fünf Millionen gerechnet.  

Die bisher staatlich geförderte Pflegeversicherung – der sogenannte Pflege-Bahr – bleibt derweil weit hinter den in ihn gesteckten Erwartungen zurück. Der Vertragsbestand der 2013 gestarteten Versicherung lag zuletzt weiterhin unter einer Million Policen – eine Schwelle, die ursprünglich bereits 2014 hatte überschritten werden sollen. Der Nettozuwachs war 2019 bereits zum sechsten Mal in Folge rückläufig – gerade einmal 40.000 Verträge kamen im vergangenen Jahr netto neu hinzu.

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare