Sind die deutschen Rentner reicher als gedacht?

Anne Hünninghaus Versicherungen

Um zu ermitteln wie sich der Wohlstand in Deutschland auf die Altersschichten verteilt, sollten neben den Nettoeinkommen auch Vermögenswerte berücksichtigt werden. Das fordert das Institut der Deutschen Wirtschaft und legt eine Analyse vor, derzufolge die Gruppe der Über-65-Jährigen an der Wohlstandsspitze steht.

Senioren verfügen in Deutschland zwar über geringere Einkommen, haben allerdings höhrere Vermögenswerte.

Senioren verfügen in Deutschland zwar über geringere Einkommen, haben allerdings höhrere Vermögenswerte. Bild: Adobe Stock/moodboard

„Die neue soziale Frage in unserem Land lautet: Wie gerecht ist eigentlich die Lastenverteilung zwischen den Generationen?“ Mit diesen Worten äußerte sich CDU-Politiker Friedrich Merz im Juni zur Grundrente – gegen die er zuvor erneut scharf geschossen hatte. Auch aus anderen Richtungen flammte Kritik an der Reform auf, die Bundestag und Länderkammer Anfang Juli final abgesegnet hatten. 1,3 Millionen Menschen, die trotz langjähriger Beitragszeiten nur wenig Rente bekommen, sollen ab dem kommenden Jahr Aufschläge erhalten.

Das Thema Altersarmut ist emotional behaftet, auch weil es immer wieder auf die Gerechtigkeitsdebatte zurückführt. Der ehemalige Wirtschaftsweise Lars P. Feld mahnte jedoch an, dass die Grundrente das Problem der Altersarmut nicht löse. Aufgrund einer unzureichenden Prüfung der Einkommens- und Vermögenssituation eines Haushalts führe die Maßnahme dazu, dass Personen Grundrente erhielten, die nicht von Altersarmut bedroht sind, was wiederum gegen das Äquivalenzprinzip verstoße. Demgegenüber monierte der Grünen-Politiker Markus Kurth im procontra-Interview der Prüfaufwand für solche raren Fälle sei kostspieliger als die Fälle selbst. Die SPD hatte sich schlussendlich gegen den Koalitionspartner Union durchgesetzt und eine Bedürftigkeitsprüfung abgelehnt.

Senioren stehen laut IW mit 3.574 Euro im Monat an der Spitze der Wohlstandsskala

Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) stellt gängige Berechnungsmodelle der Altersarmut nun erneut infrage. So gelte es, nicht nur die Einkommensstatistik der verschiedenen Altersgruppen im Blick zu behalten, sondern auch Vermögenswerte stärker einzubeziehen. Auch ein Teil der Menschen mit geringen und mittleren Einkommen habe nennenswerte Vermögen, so der Tenor.

Die kombinierte Betrachtung beider Faktoren verdeutliche, dass die über 65-Jährigen in Deutschland zwar über unterdurchschnittliche Einkommen verfügen, aber häufiger über höhere Vermögenswerte. „Dies führt in Summe zu einer Verbesserung ihrer Wohlstandsposition gegenüber den Jüngeren und zu einem höheren Anteil der Älteren in der oberen Mittelschicht und bei den relativ Reichen, wenn erweiterte Einkommen berücksichtigt werden“, lautet die Schlussfolgerung des IW. Die Berechnungen basieren auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Kapitaleinkünfte und selbstgenutzte Immobilien werden als Vermögenswerte behandelt und hypothetisch auf die erwartete Restlebenszeit aufgeteilt. „Die auffällige Alterskomponente bei der Verteilung des Vermögens in der Gesellschaft spielt in der hiesigen Rentendebatte bisher keine Rolle“, moniert „Welt“-Chefökonomin Dorothea Siems in einem Beitrag auf Welt Online mit Verweis auf die IW-Studie. Gerade Senioren hätten vielfach im Laufe ihres Lebens Sparguthaben gebildet und verfügten nicht selten über Immobilien und Aktien.

Laut der Studie stehen die Über-65-Jährigen mit durchschnittlich 3.574 Euro im Monat an der Spitze der Wohlstandsskala – sofern Vermögenswerte berücksichtigt werden. Werden hingegen nur die real verfügbaren Nettoeinkommen eingerechnet, liegt diese Altersgruppe mit monatlich 2.066 Euro deutlich hinter den 50- bis 64-Jährigen, die durchschnittlich über 2.569 Euro verfügen. Auch die die 25- bis 49-Jährigen sind den Senioren mit 2.114 Euro leicht voraus.

Im Gegensatz zur Grundrente, für deren Antrag nur das eigene Einkommen sowie das des Partners erfasst werden soll, spielen Vermögenswerte beim Antrag auf Grundsicherung allerdings sehr wohl eine Rolle. Wird das Schonvermögen überschritten, verlangt der Staat zunächst, sich der eigenen Mittel zu bedienen. Dennoch könnte die IW-Analyse in der politischen Diskussion womöglich für neuen Zündstoff sorgen.