Riester: „Ein weiteres verlorenes Jahr für die Altersvorsorge“

Anne Hünninghaus Berater Versicherungen Top News

Zu kompliziert, zu intransparent: Die Riesterrente bleibt ein Sorgenkind der Finanz- und Versicherungsbranche. Eigentlich hätte die Große Koalition bereits im ersten Halbjahr die überfällige Reform vorantreiben sollen, Corona führte zu weiteren Verzögerungen. Über die Zukunft der Altersvorsorge diskutierten nun Branchenvertreter und stellten Forderungen an die Politik.

Die Säule der privaten Altersvorsorge bröckelt weiter.

Die Säule der privaten Altersvorsorge bröckelt weiter. Wann handelt die Politik? Bild: Adobe Stock/starush

Das gewünschte Jahr der Rentenreform ist 2020 nicht geworden. Vor Ausbruch der Corona-Krise hatten alle Hoffnungen darauf geruht, Politik und Verbände würden dringend notwendige Neuerungen anstoßen, doch dann kam die Pandemie und machte den Zeitplan zunichte. Wie geht es nun weiter mit der Zukunft der privaten Altersvorsoge? Darüber diskutierten am Mittwoch auf Einladung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) Frank Breiting, Leiter Vertrieb IFA, Versicherung & Altersvorsorge Deutschland der DWS Group, Christian Machts, Leiter Drittvertrieb Deutschland, Österreich und Osteuropa bei Fidelity International und Finanzplaner Björn Drescher unter Moderation von Fabian Dittrich, Mitglied des DIA-Sprecherkollegiums.

Zwar lässt sich am Grundproblem der Niedrigzinsphase wenig ändern, doch die Ausgestaltung des bislang komplizierten Vorsorgesystems müsse dringend überarbeitet werden, darin waren sich alle einig. Der laufende Betreuungsdruck sei auch für Makler immens, so Frank Breiting, da jedes Jahr neue Sollbruchstellen entstünden. Zudem erhitzt die Garantiefrage weiter die Gemüter – ein Wachstumsmarkt kann unter den derzeitigen Bedingungen kaum entstehen. Es gelte also, Komplexität zu reduzieren und mehr Transparenz zu schaffen. Hier sehen die vier Experten nämlich das Hauptproblem: „Die meisten Menschen können Details zur Riesterrente nicht erklären – das führt zu Frustration und Nachfrageschwund“, so Breiting.

„Die aktuelle Regierung muss es noch richten"

Die Politik müsse aktiv werden. Bei allem Verständnis für die Ausnahmesituation aufgrund der Corona-Krise, nun sei endlich Zeit und Luft, das Thema anzugehen. Die Verbände hätten bereits geliefert und – wie vonseiten der Politik gefordert – vor Ostern einen einheitlichen Reformvorschlag unterbreitet. Dieser sieht unter anderem vor, die verpflichtende Bruttobeitragsgarantie abzuschaffen. Ein weiterer Kernaspekt, den es zu ändern gelte, sei die komplizierte Ermittlung des Förderniveaus. Anträge und Berechnuungen müssten schlanker, eleganter und einfacher werden: „Es kann nicht sein, dass der Zulagenantrag einer Doktorarbeit gelichkommt", schimpfte Breiting. „Das müsste via Fingerprint auf dem Smartphone funktionieren".

Den Vorschlag einer Digitalplattform für kostengünstige Altersvorsorgeprodukte, sieht Breiting derweil kritisch. Zwar könne eine solche den Menschen, die ohnehin zur Vorsorge bereit seien, das Finden passender Produkte erleichtern. Diejenigen, die der Politik Kopfzerbrechen bereiteten, weil sie später auf soziale Sicherungssysteme angewiesen seien, erreiche man mit dem Angebot aber nicht.

Nun breitet sich Nervosität aus bei Verbänden und Anbietern. Angesichts der bereits fortgeschrittenen Legislaturperiode könne man sich ein weiteres verlorenes Jahr für die Altersvorsorge kaum noch leisten. Schon jetzt wird es knapp: Ein Eckpunkteplan bis Oktober und ein Reformentwurf des Ministeriums im Dezember seien dringend notwendig, damit die Anbieter zumindest im zweiten Halbjahr 2021 mit Produkten an den Start gehen können. Aus Regierungskreisen heißt es indes, man arbeite „mit Vehemenz" an einem Referentenentwurf. „Diese Regierung muss es noch richten", drängt Breiting. Angesichts der Senkung des Rechnungszinses bei Versicherern laufe man auf ein Sterben in Raten zu, sowohl in der privaten als auch in der betrieblichen Altersvorsorge, wenn die entsprechenden Produkte Garantien nicht mehr tragen könnten oder, im Fall des Rechnungszinses, nicht mehr dürften. 

„Der Staat fördert das falsche Sparen"

Das Wettern gegen Riester seitens mancher Parteivertreter und Forderungen nach ganz neuen Konzepten halten die Diskutanten derweil für ein fatales Signal. Angesichts 16,5 Millionen bestehender Riester-Verträge sei der Staat in der Verantwortung, so Breiting. „Ihnen jetzt zu suggerieren, dass sie falsch investiert haben, ist zutiefst schädlich". Den Menschen sei bewusst, wie sich die durch Corona voraussichtlich weiter prolongierte Niedrigzinspoltiik auf das eigene Sparen auswirke. Und die Mehrheit sattelt eher in Richtung Kapitalmarkt um, wie diverse Studien aktuell belegen.

Während in Deutschland Versicherungen als Altersvorsorge gelten, fällt das Fondssparen nicht in diese Kategorie. Finanzplaner Björn Drescher sieht in dieser Trennung von Kapitalanlage- und Versicherungsprodukten ein Problem. Der Hype auf der Sparplanseite und das Steigen der Sparquote seien staatlich zu belohnen. Das traf auch bei Christian Machts auf Zustimmung: "Ich bezweifele, dass jeder für das Auto spart, das er sich nächstes Jahr kaufen möchte – die meisten Anleger setzen auf langfristiges Sparen mit Blick aufs Alter." Eine staatliche Förderung solcher Sparpläne hält Frank Breiting für eine gute Idee. Es werde immer noch vermittelt, Aktien seien zu riskant: "Der Staat fördert das falsche Sparen!".

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