Rentenlücke: Immer mehr Senioren sind armutsgefährdet

Anne Hünninghaus Berater

Zum 1. Oktober, dem „Tag der älteren Menschen“, gibt eine Langzeitstudie Einblick in die Einkommensentwicklung der Generation 65 plus. Auffällig sind vor allem regionale Unterschiede.

In Deutschland sind 15,7 Prozent der Senioren armutsgefährdet.

In Deutschland sind 15,7 Prozent der Senioren armutsgefährdet. Bild: Adobe Stock/Stockfotos-MG

In Deutschland sind 15,7 Prozent der Senioren armutsgefährdet.

In Deutschland sind 15,7 Prozent der Senioren armutsgefährdet. Bild: Adobe Stock/Stockfotos-MG

Für die Erben sparen? Daran hat der Großteil der Senioren in Deutschland kaum Interesse. Wichtiger ist es ihnen, sich im Alter etwas gönnen, die freie Zeit Freunden, Reisen und Hobbys widmen zu können, so das Ergebnis einer Umfrage aus diesem Jahr. Die Vorstellung eines genussvollen Lebensabends klingt erbaulich. Allerdings wird dieser laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) für immer weniger Menschen realistisch erreichbar. Die ältere Generation sei deutschlandweit zunehmend von Altersarmut bedroht, heißt es hier. Nimmt man die vergangenen 15 Jahre in den Blick, so ist der Anteil der über 64-Jährigen, die gemessen am Bundesmedian armutsgefährdet sind, um 4,7 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent im Jahr 2019 gestiegen. Im selben Zeitraum stieg die Armutsgefährdungsquote für die Gesamtbevölkerung indes „nur“ um 1,2 Prozentpunkte auf 15,9 Prozent, was – aufgrund der ungleichen Ausgangslage – nun zu einer Annäherung geführt hat.

Auch regional gibt es Unterschiede: Im Westen stieg die Armutsgefährdungsquote für über 64-Jährige seit 2005 um 4,6 Prozentpunkte auf 16,2 Prozent im Jahr 2019 und liegt somit sogar knapp oberhalb der Quote für die aller Altersgruppen. Im Osten konnte im gleichen Zeitraum ein Anstieg um 4,9 Prozentpunkte auf 13,8 Prozent gemessen werden, das sind 4,1 Prozentpunkte unter der generellen Armutsgefährdungsquote im Osten. Das höchste Altersarmutsrisiko besteht für Saarländer (18,4 Prozent), währenddessen ist es in Brandenburg (12,5 Prozent) am geringsten. Seit 2005 besonders gestiegen ist die Quote derweil in Berlin (+7,4 Punkte auf 14,8 Prozent) und im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen (+7,1 Punkte auf 16,8 Prozent).

Immer mehr Senioren beziehen Sozialleistungen

Wer im Alter seinen Lebensunterhalt aus Einkommen und Vermögen nicht selbst bestreiten kann, erhält die sogenannte Grundsicherung. Vor dem Jahr 1947 geborene Personen erreichten die Altersgrenze mit 65 Jahren, für später Geborene wird die Altersgrenze seit dem Jahr 2012 schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Ende 2019 lag sie bei 65 Jahren und 8 Monaten.

Inzwischen sind der Erhebung zufolge mehr Menschen im Rentenalter auf die Sozialleistung angewiesen als vor 17 Jahren: Deren Anteil stieg von 1,7 Prozent zum Jahresende 2003 auf 3,2 Prozent im Dezember des vergangenen Jahres. Besonders in den Stadtstaaten beziehen Senioren häufig Grundsicherung, allen voran in Hamburg. Rund jeder Zwölfte in der Hansestadt erhielt im Dezember 2019 die Grundsicherung im Alter (8,5 Prozent).

Die frappierenden regionalen Unterschiede hängen maßgeblich mit den unproportional gestiegenen Lebenshaltungskosten – vor allem Mietkosten – zusammen. So hatte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft zuletzt erhoben, dass die Kaufkraft der Renten je nach Wohnort um bis zu 52 Prozent variiert. So haben 1.000 Euro für Rentner in München im Deutschlandvergleich eine tatsächliche Kaufkraft von 760 Euro. Im brandenburgischen Landkreis Elbe-Elster – dem bundesweit günstigsten Wohnort – liegt der reale Wert dagegen bei 1.160 Euro.

Alter Osten, junges Hamburg

Der deutliche Anstieg der Armutsgefährdung bei Älteren fällt in den östlichen Bundesländern umso stärker ins Gewicht, als die Bevölkerung dort besonders stark alterte. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie reichen von der Abwanderung überwiegend junger Menschen in die westlichen Bundesländer und einer geringen Zuwanderung aus dem Ausland über rückläufige Geburtenzahlen bis zu einer gestiegenen Lebenserwartung. Besonders hoch war der Anteil der über 64-Jährigen im vergangenen Jahr in Sachsen-Anhalt (27,0 Prozent), am niedrigsten fiel er mit 18,2 Prozent in Hamburg aus. Laut Destatis wird sich dieser Trend in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen: Der Anteil der Menschen, die älter sind als 64 Jahre, dürfte bis 2030 in Ostdeutschland auf über 30 Prozent steigen und anschließend auf diesem Niveau verharren. Im Westen Deutschlands wird er sich voraussichtlich auf 25 Prozent im Jahr 2030 und auf 28 Prozent im Jahr 2040 erhöhen.

Wenig Einkommen – dennoch wohlhabend?

Die der Destatis-Analyse zugrunde liegenden Daten, die aus dem Mikrozensus stammen, beziehen sich allerdings auf die relative Einkommensungleichheit. Da die ältere Generation in Deutschland im Durchschnitt über höhere Vermögen verfügt, darunter Ersparnisse ebenso wie Immobilien, gibt es immer wieder Kritik an der Auslegung des Armutsbegriffs. Um zu ermitteln wie sich der Wohlstand in Deutschland auf die Altersschichten verteilt, sollten neben den Nettoeinkommen auch Vermögenswerte berücksichtigt werden, forderte erst kürzlich das Institut der Deutschen Wirtschaft. Grundlage für diesen Appell bot eine Analyse, der zufolge die Gruppe der Über-65-Jährigen in einer solchen kombinierten Betrachtung an der Wohlstandsspitze steht.

Das Vermögen muss die Rentner allerdings heute auch über einen längeren Zeitraum tragen, denn das steigende Lebensalter führt viele früher oder später doch in die sogenannte Rentenlücke. Zu einer rechtzeitigen Planung ist also in jedem Fall geraten. Laut einer Studie der Gesellschaft für Immobilienverrentung sind Vertreter der Generation 65 plus immer häufiger bereit, sich via Video-Chat-Beratung zu Vorsorgefragen zu informieren: Jeder dritte der 1.063 befragten Rentner äußerte sich positiv über diesen Kommunikationsweg.

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