„Explodierende Beitragssätze“: PKV mahnt zur Pflegereform

Anne Hünninghaus Berater Versicherungen

Pflegebedürftige müssen seit Jahren stark wachsende Eigenanteile aufbringen. In einer Presseveranstaltung rief der Verband der Privaten Krankenversicherung nun erneut zu einer Reform des Umlagesystems auf. Das sind die Argumente.

Zurzeit müssen Pflegebedürftige monatlich 2.015 Euro Eigenanteil bezahlen.

Zurzeit müssen Pflegebedürftige monatlich 2.015 Euro Eigenanteil bezahlen – Tendenz steigend. Bild: Adobe Stock/kasto

Die Pflegeversicherung ist ein Dauerpatient in der politischen Debatte Deutschlands. Während Pflegebedürftige, die in einem Heim betreut werden, immer höhere Beträge aus eigener Tasche hinzuzahlen, streiten Vertreter von Politik und Wirtschaft bereits seit Jahren über die Ausgestaltung des Systems. Zwischen den Parteien herrscht jedoch Uneinigkeit, ob oder inwieweit es hier weiterer Reformen bedarf. Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) hat seine Argumente nun erneut in die Debatte eingebracht.

„Das Umlageverfahren führt zur immer drastischeren versteckten Verschuldung“ mahnte Dr. Frank Wild, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der PKV, am Mittwochnachmittag in einer Presseveranstaltung des Verbands. Durch die demografische Entwicklung verstärkt sich die systematische Benachteiligung der jüngeren Generationen tatsächlich immer weiter. Während die Parteien diese Einsicht weitgehend teilen, sehen die Rezepte dagegen allerdings unterschiedlich aus. Die Jungen, so Wild, könnten nicht mehr darauf vertrauen, die von ihnen eingezahlten Beträge in späteren Jahren zurückzuerhalten. Dazu nannte er konkrete Zahlen: „Die Summe der Leistungsansprüche derer, die aktuell einzahlen, beläuft sich auf 435 Milliarden Euro. Um diesen Menschen garantieren zu können, irgendwann selbst Ansprüche darauf erheben zu können, müssten jährlich 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür zurückgelegt werden. Das passiert allerdings nicht.“ Somit handele es sich um eine implizite Verschuldung zulasten der Jungen, zumal die Leistungsversprechen für die alternde Gesellschaft durch heutige Beitragszahlungen schon nicht gedeckt seien.

Vermögende Rentnergeneration federt zurzeit Effekte ab

Zuletzt stieg der durchschnittlich vom Pflegebedürftigen nach Zuschuss durch die soziale Pflegeversicherung (SPV) selbst zu zahlende Eigenanteil bundesweit auf mehr als 2.000 Euro. Laut Daten des Verbandes der Ersatzkassen vom 1. Juli dieses Jahres mussten Pflegebedürftige monatlich 2.015 Euro bezahlen – am ersten Januar dieses Jahres waren es noch 1.940 Euro und damit 75 Euro weniger gewesen. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die durchschnittlichen Kosten für jeden Pflegebedürftigen um 124 Euro.

Diese Zahlen stehen derzeit allerdings im Kontrast zum Bedürfnis nach finanzieller Unterstützung: Vor der Systemreform Jahr 1995 beantragten noch 80 Prozent der in Pflegeheimen Untergebrachten Sozialhilfe, um die Kosten bewältigen zu können. Heute beanspruchen lediglich 30 Prozent derjenigen die sogenannte Hilfe zur Pflege. „Die heutige Rentnergeneration ist vergleichsweise vermögend“, so die Erklärung Wilds mit dem Verweis auf eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (procontra berichtete darüber). Die kombinierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen verdeutlicht dieser zufolge, dass die über 65-Jährigen in Deutschland zwar über unterdurchschnittliche Einkommen verfügen, aber häufiger über höhere Vermögenswerte. Ob die Folgegenerationen aber ebenso gut situiert sein werden, ist fraglich. Die Entwicklung des Wirtschaftswachstums und der Produktivität in Deutschland sei aber auf lange Sicht schwer vorhersehbar.

Sparprogramm statt Umlageverfahren

Der PKV rät also dazu, statt des Umlagesystems ein Sparprogramm umzusetzen: Statt zusätzliche Pflegeleistungen in das Umlageverfahren der SPV einzuspeisen, sollten diese durch kapitalgedeckte Vorsorge abgesichert werden, so das Plädoyer. Laut Experte Frank Wild könnten deutlich mehr Menschen von privater Vorsorge überzeugt werden, zu diesem Thema herrsche in der Bevölkerung allerdings große Unwissenheit. Das belegte im vergangenen Jahr eine Allensbach-Umfrage: Gefragt, was eine gute Pflege-Vorsorge pro Monat kostet, lag die Vermutung bei im Schnitt 161 Euro pro Monat. In der Realität liegen Beiträge derweil meist darunter.

Sich voll auf den Staat zu verlassen, wird indes gerade für die Jüngeren kaum aufgehen. „Wenn sich die derzeitige Entwicklung des Ungleichgewichts von Einnahmen und Auszahlung weiter fortsetzt, wird die Belastung des Durchschnittsverdieners bei einem Beitragssatz von 4,85 Prozent in der SPV von derzeit 98 Euro auf 146 Euro explodieren“, so die Hochrechnung des PKV-Pressesprechers Stefan Reker. Das von der Großen Koalition festgelegte Sozialabgabeziel von maximal 40 Prozent sei demnach nicht haltbar.