Cyberversicherungen: Potentieller Verkaufsschlager oder Ladenhüter?

Martin Thaler Cyber-Security Digital Berater Top News

Die Cyberversicherung wird gerne einmal als „Feuerversicherung des 21. Jahrhunderts“ betitelt, um ihr enormes Marktpotential zu unterstreichen. Zu merken ist davon bislang wenig. Doch bleibt das so? Eine Spurensuche.

Ladenhüter

Verkaufsschlager oder eher Ladenhüter: Bei der Cyberversicherung klaffen Prognosen und Realität derzeit noch weit auseinander. Bild: Adobe Stock/maho

Die Cyberversicherung ist ein relativ neues Produkt auf dem deutschen Versicherungsmarkt. Während 2012 seitens der Versicherer noch großer Erklärungsbedarf hinsichtlich des Zwecks und Nutzens ihres neuen Angebots bestand, dürfte das Thema Cyber-Security mittlerweile für viele Unternehmensverantwortliche eine herausgehobene Rolle spielen. Laut aktuellem „Allianz Risk Barometer 2020“, für das mehr als 2.700 Risikoexperten aus über 100 Ländern befragt wurden, gelten Cyber-Vorfälle weltweit mittlerweile als größte Gefahr für Unternehmen, in Deutschland nehmen Hackerangriffe, Schadsoftware & Co. den zweiten Platz hinter Betriebsunterbrechungen ein. Zum Vergleich: Im Jahr 2013, ein Jahr nachdem die ersten Cyber-Policen auf den deutschen Markt gekommen sind, rangierte das Thema noch unter ferner liefen, auf Platz 15.

Während in vielen Unternehmen zumindest mittlerweile ein grundlegendes Risikobewusstsein festzustellen ist, hapert es weiterhin an der notwendigen Konsequenz: dem Abschluss einer entsprechenden Cyber-Versicherung. Dabei hatten Experten dem Markt ein enormes Potenzial bescheinigt: Die Cyberversicherung sei die Feuerversicherung des 21. Jahrhunderts heißt es vollmundig, allein für Deutschland wurde das Prämienvolumen auf 15 bis 26 Milliarden Euro bis 2036 geschätzt.

Hiervon ist bislang auf den ersten Blick wenig zu erkennen: Laut Zahlen des Versichererverbands GDV betrug der Gesamtbestand an Cyber-Versicherungen 2019 insgesamt 60.000 Policen – gerade einmal 10.000 mehr als im Jahr zuvor. Das Prämienvolumen stieg in diesem Zeitraum von 50 auf 85 Millionen Euro. Angesichts von 3,5 Millionen Betrieben in Deutschland fällt diese Entwicklung wohl doch enttäuschend aus.

Kleinere Unternehmen sparen am Versicherungsschutz

Insbesondere kleinere Unternehmen sparen sich bislang den Versicherungsschutz – auch weil es hier unter anderem noch am notwendigen Kulturwandel fehlt, wie der Berliner Versicherungsmakler Mike Amelang gegenüber procontra verdeutlichte. Während beispielsweise in Arztpraxen der Ausfall eines Computers lange Zeit keine „materielle Auswirkung auf die Arbeitsprozesse und das Unternehmen“ hatte, ist die Lage dank zunehmender Digitalisierung heute eine andere: „Früher konnte auch ohne Computer weitergearbeitet werden – heute ist die Abhängigkeit vom Datenfluss elementar.“

Nichtsdestotrotz sind Experten weiterhin vom hohen Marktpotenzial entsprechender Cyber-Lösungen aus. „Der Cyber-Versicherungsschutz stellt nach Einschätzung von Willis Towers Watson eine wesentliche Absicherung für Unternehmen dar und sollte weiterhin mit den bekannten Deckungen, wie Betriebshaftpflicht-, Vertrauenschaden-, Sachversicherung-Versicherung etc. flankiert werden. Sie wird künftig zu den ,Standardversicherungen' gehören“, erklärte Marcus Kuhn, Manager Finex bei der Willis Towers Watson Versicherungsmakler GmbH gegenüber procontra. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s kam Anfang September 2020 zu dem Schluss, dass der Cyberversicherungsmarkt in den kommenden Jahren weltweit um jährlich 20 bis 30 Prozent wachsen wird – auch bedingt durch die Corona-Pandemie und die damit angestoßene Digitalisierung innerhalb vieler Unternehmen.

Auch unter Maklern scheint das Geschäft mit Cyber-Versicherungen – wenn auch erstmal nur vorsichtig – weiter an Fahrt zu gewinnen. Laut einer Umfrage von MRTK haben im vergangenen Jahr 38 Prozent der befragten 202 Makler Cyber-Versicherungen vermittelt, vier Prozent mehr als noch im Jahr zuvor und gleich 17 Prozent mehr als noch 2017.

Die Zahl der Cyber-indifferenten Vermittler zeigte sich hingegen rückläufig und betrug 2019 nur noch 12 Prozent, nachdem er in den Vorjahren noch bei 22 bzw. 42 Prozent gelegen hatte. Das Umfrageergebnis liefert zwar angesichts der relativ geringeren Teilnehmerzahl nur eine Stichprobe, diese deckt sich aber mit den Einschätzungen im Markt. „Der Absatz von Cyber-Policen, aber auch die Wahrnehmung bei den Mandanten in Bezug auf die Risikolage haben in den letzten beiden Jahren stark zugenommen“, erklärte der auf Cyber-Schutz spezialisierte Makler Kaspar Bonleitner gegenüber procontra.

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