Analyst rechnet mit Stornowelle bei Lebensversicherern

Martin Thaler Versicherungen

Für die Lebensversicherer ist der "Corona-Schock" laut Analyst Carsten Zielke noch lange nicht vorbei. Um gegenzusteuern, rät der Analyst dazu, Beleihungsmöglichkeiten stärker in den Vordergrund zu rücken sowie die Kapitalanlagepolitik zu verändern.

Welle

Analyst Carsten Zielke rechnet damit, dass auf die Lebensversicherer in der kommenden Zeit eine Welle von Stornierungen zukommt. Bild: Pixabay/ EliasSch

Steht der Versicherungsbranche der Corona-Schock noch bevor? Dieser Frage widmete sich der Analyst Dr. Carsten Zielke in seiner aktuellen Studie „Versicherungsstudie 2020 – Vor oder nach dem Tsunami?“   Insbesondere für die Lebensversicherer erwartet Zielke, dass die schwerwiegendsten Auswirkungen der Pandemie noch bevorstehen. „Der Vertrieb liegt am Boden. Die große Unsicherheit bzgl. Der weiteren Entwicklung des Coronavirus und des Einflusses auf die Realwirtschaft lässt kaum einen Verbraucher zum Abschluss einen langfristigen Lebensversicherungsvertrags bewegen“, heißt es in der Studie.    

Zum erlahmenden Neugeschäft erwartet Zielke zudem eine Stornowelle von Kunden, die auf diese Weise kurzfristig an Geld kommen könnten. „Bei vielen Gesellschaften kamen die Vertragsabteilungen mit den Anträgen auf Beitragsfreistellung oder Stundung nicht mehr hinterher“, berichtet Zielke. Die Stornierung des Lebensversicherungsvertrags wäre folglich der nächste Schritt.

Laut einer Umfrage des Nürnberger infas quo hatten von 1.179 Befragten bis Ende Mai bereits 28 Prozent ihre aktuelle Versicherungssituation auf den Prüfstand gestellt – vor allem Menschen in Kurzarbeit oder Arbeitslose prüfen hier intensiv. Versicherer wie die Swiss Life hatten wiederum eine verstärkte Nachfrage nach Altersvorsorge-Lösungen festgestellt.  

Um einer Stornowelle zuvorzukommen rät Analyst Zielke den Versicherern, „Möglichkeiten der Beleihung als Alternative zur Kündigung aktiv zu bewerben“.  Bei sogenannten Policendarlehen gewährt der Versicherer seinen Kunden quasi einen Kredit, die Lebensversicherung dient als Sicherheit. Die Kunden könnten auf diese Weise ihre zeitweilige Illiquidität überbrücken, ohne ihren Lebensversicherungsvertrag kündigen zu müssen.

Kapitalanlagepolitik anpassen

Zumal gelte es für die Versicherer, ihre Kapitalanlagepolitik anzupassen – nicht nur, um die aus Zinszusatzreserve und Nullzinsphase entstehenden Herausforderungen zu bewältigen, sondern auch um den Kunden ans Unternehmen zu binden. „Um den Kunden zu halten, muss man ihm ein gutes Gewissen geben“, so Zielke. So müsse sich laut Zielke das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft immer stärker in der Kapitalanlagestrategie widerspiegeln.  

Das Thema Nachhaltigkeit nimmt für Anleger eine immer größere Bedeutung ein. Erst gestern meldete der Fondsverband BVI, dass das von Investoren aus Deutschland in nachhaltigen Fonds angelegte Vermögen mittlerweile die Marke von 100 Milliarden Euro überschritten hat. Laut einer Umfrage des Kölner Beratungshauses Heute & Morgen fordern vier Fünftel aller Deutschen mehr Nachhaltigkeit von ihrer Versicherung ein. Kommen die Versicherer diesem Wunsch nicht nach, liebäugeln viele Kunden mit einem Wechsel.  

Auch sonst rät Zielke den Versicherern zu mehr Diversifikation in der Kapitalanlage. Hier rät der Analyst erneut zu einer Ausweitung der Aktienquote. „Hätte die Branche den Rat befolgt und statt 4-5% im Schnitt 15% ihrer Kapitalanlagen in den deutschen DAX investiert, so hätte bis Anfang August 2020 trotz Wirecard-Skandal  ein Mehrwert von gut 150 Milliarden Euro erzielt werden können – bei einem ZZR-Bedarf für 2020 von geschätzten 96 Milliarden Euro.“

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